Philippe Manoury

Lab.Oratorium

Rinnat Moriah (Sopran), Tora Augestad (Mezzosopran), SWR Vokalensemble, Lab.Chor, IRCAM, Gürzenich-Orchester Köln, Ltg. François-Xavier Roth

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo WER 7396-2
erschienen in: das Orchester 11/2021 , Seite 81

Men­schen sind umgeben von Luft, die sie geat­met haben.“ Über zwei Jahre nach der Urauf­führung im Mai 2019 zeigen die Text-Col­la­gen des Regis­seurs Nico­las Ste­mann glasklare Hell­sicht. Lab.Oratorium, nach In situ (2013) und Ring (2016) der dritte Teil der Köln-Trilo­gie des franzö­sis­chen Kom­pon­is­ten Philippe Manoury (geb. 1952), definiert die Meta­pher des Schiffs auf Lebens­fahrt neu: Auf der einen Seite ste­hen das Frotzeln rou­tiniert­er Kreuz­fahrt­gäste in „Aus­fahrt und Reise“ (2. Satz) sowie „Geschicht­en und Cock­tails“ (3. Satz), in denen es um Ser­vicelück­en und man­gel­hafte Deutschken­nt­nisse des inter­na­tionalen Per­son­als geht. Die Seenot Flüch­t­en­der und Angst vor Wohl­standsver­lust treiben die Stim­men an die Ufer des extremen Denkens. Lab.Oratorium bezieht sich auf das Kreuz­fahrtschiff als Nusss­chale und das Meer als beängsti­gen­den Schauplatz.
Manoury holte sich die raunende bis schreiende Lyrik dazu von Elfriede Jelinek, Georg Trakl und Inge­borg Bach­mann. Dass die neuen Texte ein Netz aus epi­demi­ol­o­gis­chen Wort­feldern über die glob­alen Gegen­be­we­gun­gen von Flüchtlingsströ­men und Massen­touris­mus legten, als die Welt im Ver­bor­ge­nen Coro­na aus­brütete, dürfte dem zu kreativ­er Mitschöp­fung ange­hal­te­nen Leitung­steam dieser großar­ti­gen Gesamtleis­tung nicht klar gewe­sen sein. Riesig sind die Klang­massen durch Mitwirkung des SWR Vokalensem­ble, IRCAM und dem aus Laien zusam­mengestell­ten, mit umfan­gre­ichen Auf­gaben betraut­en Lab.Chor.
In seinen von Per­cus­sions angetriebe­nen Melo­dra­men für die Schaus­piel­er Patrycia Ziolkows­ka und Sebas­t­ian Rudolph sowie die in der Tra­di­tion Alban Bergs ste­hen­den Vokalpar­tien bezieht sich Manoury auf die Anfang des 20. Jahrhun­derts wieder­ent­deck­te Gat­tung des szenis­chen Ora­to­ri­ums. Dieser Werk­plan fordert zur inhaltlichen wie for­malen Gren­zöff­nung her­aus und entwirft eine musik­drama­tisch gespiegelte Real­si­t­u­a­tion, die sich von früheren meta­ph­ysis­chen, sakralen und sozial­is­tis­chen Utopi­en der Gat­tung löst. Schon vor den prag­ma­tis­chen Zwän­gen der Pan­demie kom­ponierte Manoury für eine Orch­ester­auf­stel­lung, die von der über zwei Jahrhun­derte dominieren­den Ord­nung der Mannheimer Schule abweicht.
Alles ist im Fluss: Die Wass­er- und Lan­dre­gio­nen des „Mare Nos­trum“ zeigen sich durch haushohe Klang­wogen und trügerische Ruhe­zo­nen. Manourys und Ste­manns Dra­maturgie bein­hal­tet impro­visierende Freiräume zwis­chen aktiv­er Elek­tron­ik, pro­fes­sionellen Mitwirk­enden und Laien-Par­tizipa­tion. Sie enthält ein Para­dox mit inter­na­tionalem Spal­tungspoten­zial: Inner­halb der einen Welt fordern Ver­mö­gende neue mobile und vari­able Gren­zen, die sie von den exis­ten­ziell Bedro­ht­en und inter­na­tionaler Lohn­sklaverei schützen. Der zehnte und let­zte Satz „Abfahrt“ sam­melt die zerk­lüf­ten­den Fragestel­lun­gen des näch­sten Jahrzehnts in der Bipo­lar­ität eines Jar­gons, gegen den Musik macht­los ist.
Gürzenich-Kapellmeis­ter François-Xavier Roth und der für die com­put­er­musikalis­che Real­i­sa­tion ver­ant­wortliche Thomas Goepfer pflegten einen koop­er­a­tiv­en Leitungsstil.
Roland Dippel