Jean Sigismond Cousser (Kusser)

La cicala della cetra d’Eunomio. Suite Nr. 4

Sechs Consortsuiten für 2 Oboen, Fagott, Streicher und B. c., Urtext, hg. von Michael Robertson, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Walhall
erschienen in: das Orchester 09/2020 , Seite 87

Musik­begeis­terte Aris­tokrat­en und Poten­tat­en gab es ehe­dem zuhauf. Man denke nur an Lud­wig XIV., der Jean Bap­tiste Lul­ly zum Hofkom­pon­is­ten und „Sur­in­ten­dant de la musique“ erhob. Eine Gun­st, die den gebür­ti­gen Ital­iener ver­führte, sich zum musikalis­chen Allein­herrsch­er im Reich des Son­nenkönigs aufzuschwin­gen.
Unter den Gön­nern der Musen find­et sich auch das Fürstengeschlecht des fränkischen Haus­es von Schön­born, dessen Abkomme Graf Rudolf Franz Erwein (1677–1754) als noten­sam­mel­nder Cel­list her­vor­trat. Sein pri­vates, auf Schloss Wiesen­theid erhaltenes „Musikkabi­nett“ umfasst rund 2 200 Einzel­w­erke ver­schieden­ster Gat­tun­gen in rund 150 Druck­en und über 500 Manuskripten. Ein Fun­dus, aus dem sich die Edi­tion Schön­born der Magde­burg­er Edi­tion Wal­hall nährt. Inner­halb dieser Musikalien­rei­he gab der britis­che Barock­forsch­er Michael Robert­son sechs Con­sort­suit­en für zwei Oboen, Fagott, Stre­ich­er und Gen­er­al­bass von Johann Sigis­mund Kuss­er her­aus – eine der drei Suit­en­samm­lun­gen in Lullys Manier, die Kuss­er anno 1700 druck­en ließ, als er die Würt­tem­ber­gis­che Hofkapelle leit­ete.
Kuss­er, geboren 1660 in Press­burg (heute Bratisla­va), ver­brachte sechs Lehr­jahre bei Lul­ly in Paris (wo er seinen Namen franzö­sisierte). Danach unter­wies er die Ans­bach­er Hofvi­o­lin­is­ten im franzö­sis­chen Vor­tragsstil, bevor ihn der Hof zu Braun­schweig-Wolfen­büt­tel 1790 zum Oberkapellmeis­ter sein­er neuge­grün­de­ten Oper erkor. Mit seinem Operndi­rek­tor und Libret­tis­ten zer­strit­ten, wech­selte er 1694 an die Ham­burg­er Oper am Gänse­markt, wo er eigene Singspiele und Opern auf­führte. Der Quere­len mit Pächtern und Direk­toren über­drüs­sig, stellte er eine Opern­truppe zusam­men, mit der er in Deutsch­land umher­reiste. Von 1698 bis 1704 band ihn der Stuttgarter Hof als Oberkapellmeis­ter. 1705 ging er nach Lon­don und 1710 nach Irland, wo er zum Chief-Com­pos­er und Music-Mas­ter zu Dublin Cas­tle aufrück­te und 1727 starb. Während Walther ihm ein „flüchtiges und hitziges Tem­pera­ment“ nach­sagte, pries ihn Matthe­son als Orch­ester­führer und Proben­leit­er von Gnaden. Als Kom­pon­ist förderte er vor allem die Entwick­lung der Orch­ester­suite. Die “Suite Nr. 4 La cicala del­la cetra d’Eunomio” (Die Zikade der Zither des Eunomius) entspricht dem Gat­tungstyp, wie man ihn aus der The­ater­musik Lullys ken­nt. Der pom­pösen Ouvertüre (grav­itätis­ch­er Kopfteil, ger­ad­er Takt, punk­tierte Rhyth­men – beschwingter Mit­tel­teil, unger­ad­er Takt, ein­gangs imi­tierend – knappe Reprise) fol­gt nach einem san­ften Block­flöten-Trio (auszuführen von den Obois­t­en samt Fagott) ein Bou­quet heit­er­er Tanzstücke, teils mit Trio-Teilen. Beach­tung ver­di­enen neben dem kri­tis­chen Kom­men­tar vor allem die auf­schlussre­ichen „Per­for­mance issues“ des Her­aus­ge­bers, dem eine möglichst authen­tis­che Wieder­gabe am Herzen liegt. Wobei er vor einem „over­dot­ting“ franzö­sis­ch­er Barock­musik warnt.

Lutz Lesle