Mandel, Birgit (Hg.)

Kulturvermittlung

zwischen kultureller Bildung und Kulturmarketing. Eine Profession mit Zukunft

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: transcript, Bielefeld 2005
erschienen in: das Orchester 06/2006 , Seite 79

Was ist eigentlich „Kul­turver­mit­tlung“? Und was macht ein Kul­turver­mit­tler? Diese Fra­gen drän­gen sich auf, wenn man das von Bir­git Man­del her­aus­gegebene Buch zum ersten Mal in die Hand nimmt. Und weit­er: Muss ich das jet­zt wirk­lich alles lesen?
Beim ersten Durch­blät­tern wird jedoch rasch klar, dass es dur­chaus hil­fre­ich sein kann, den Blick ein­mal über den Hor­i­zont der eigentlichen Musikver­mit­tlung hin­aus schweifen zu lassen. Musikver­mit­tlung gilt ja gegen­wär­tig – jen­seits der (Schul-)Musikpädagogik – als deutsch­er Ver­such (ins­beson­dere im Bere­ich von Orch­estern und Konz­erthäusern), dem angloamerikanis­chen Begriff der „Edu­ca­tion“ nicht nur sprach­lich, son­dern auch inhaltlich etwas Eben­bür­tiges ent­ge­gen­zuset­zen. Das Buch über Kul­turver­mit­tlung set­zt schon begrif­flich auf ein­er über­ge­ord­neten Ebene an. Kein Gebi­et wird aus­ge­lassen: Neue Wege der Muse­um­späd­a­gogik – von der auch der Musik­bere­ich immer noch einiges ler­nen kann – wer­den eben­so erfasst wie die Ver­mit­tlungs­bere­iche bildende Kun­st, The­ater, Musik, neue Medi­en, Film. Zahlre­iche Fachau­toren, die aus Wis­senschaft oder Kul­turein­rich­tun­gen kom­men, ver­suchen in ihren Einzel­beiträ­gen die ver­schieden­sten Felder der Kul­turver­mit­tlung zu beleucht­en.
Im ein­lei­t­en­den Beitrag stellt die Her­aus­ge­berin u.a. fest, dass Kul­turver­mit­tlung Zugänge zu allen For­men der Kun­st schaf­fen soll, kul­turelle Kom­pe­tenz (und Quer­denken) let­ztlich auch zu echt­en sozialen Prob­lem­lö­sun­gen führen kön­nten. Dabei wird das Pro­jekt „Zukunft@BPhil“ der Berlin­er Phil­har­moniker als ein aktuelles Muster­beispiel für erfol­gre­iche, umfassende und öffentlich bre­it beachtete Kul­turver­mit­tlung ver­standen. Kul­turver­mit­tlung sei eine Pro­fes­sion mit Zukun­ft; sie müsse allerd­ings vom Rand ins Zen­trum des Kul­turbe­triebs ver­lagert wer­den. Im Kapi­tel „Kul­tur­poli­tik und Kul­turver­mit­tlung – Kul­tur für alle und von allen“ wer­den grund­sät­zliche Über­legun­gen vor allem unter kom­mu­nalpoli­tis­chen und rechtlichen Aspek­ten angestellt.
Im fol­gen­den Kapi­tel beleuchtet Susanne Keuchel von Zen­trum für Kul­tur­forschung das „Kul­tur­pub­likum in sein­er gesellschaftlichen Dimen­sion“ unter Her­anziehung empirisch­er Dat­en und kommt zum Schluss, man müsse dem Kul­tur­pub­likum ins­ge­samt mehr Aufmerk­samkeit wid­men. Ein weit­eres Kapi­tel wirft einen Blick ins Aus­land, nach Eng­land, Frankre­ich und Öster­re­ich. Auch in diesen Län­dern ist der Bedarf an Audi­ence Devel­op­ment, also der an Ziel­grup­pen ori­en­tierten Pub­likum­sen­twick­lung bzw. der „médi­a­tion cul­turelle“ anerkan­nt, wird allerd­ings poli­tisch und finanziell höchst unter­schiedlich in die Prax­is umge­set­zt. Die weit­eren Kapi­tel behan­deln die Entwick­lungs­geschichte und Zukun­ftsper­spek­tiv­en des Berufs­feldes „Kul­turver­mit­tlung“, die ver­schiede­nen Stu­di­engänge und deren Prax­is­bezug. Erhel­lend ist dabei die Aus­sage, dass Kul­turver­mit­tler in vie­len Bere­ich eigentlich drin­gend gebraucht wür­den, aber schlecht bezahlt wür­den – Wun­sch bzw. Bedarf und Wirk­lichkeit liegen mal wieder weit auseinan­der.
Im let­zten Kapi­tel schließlich geht es um aktuelle Beispiele aus ver­schiede­nen Prax­is­feldern: Der muse­um­späd­a­gogis­che Dienst Berlin ist eben­so dabei wie das Kun­st­mu­se­um Wolfs­burg, die Schaubühne Berlin oder das Konz­ert­büro Köln, um nur einige zu nen­nen.
Das Buch ist über­sichtlich gegliedert, die Beiträge durch­weg flüs­sig und ver­ständlich geschrieben. Lit­er­atur- und Inter­net­fund­stellen am Ende jedes Beitrags ermöglichen eine Ver­tiefung einzel­ner The­men. Wer neue Impulse für die Weit­er­en­twick­lung der Ver­mit­tlungs- und Mar­ket­ingtech­niken seines eige­nen Kul­turbe­triebs erhal­ten will, wird mit diesem Buch gut bedi­ent.
Ger­ald Mertens