Jan Assmann

Kult und Kunst

Beethovens Missa Solemnis als Gottesdienst

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: C. H. Beck
erschienen in: das Orchester 02/2021 , Seite 61

Das Beethoven-Jahr bescherte dem Leser eine Vielzahl neuer Büch­er, die sich durch ihre the­o­retis­che Fundierung und Zielset­zun­gen unter­schei­den. Es fällt auf, dass es zunehmend nicht nur kri­tis­che und hin­ter­fra­gende Sichtweisen sind, die einen Blick auf den Kom­pon­is­ten jen­seits von überkomme­nen roman­tisierten Ide­al­isierun­gen ermöglichen sollen. So wird man auch mit Büch­ern kon­fron­tiert, deren Haup­tau­gen­merk auf ein­er kul­turellen Rezen­trierung mit teil­weise mis­sion­ar­ischen Zügen liegt: Dem kon­ser­v­a­tiv­en Bil­dungs­bürg­er­tum soll argu­men­ta­tive Fundierung in ein­er Abwehrhal­tung gegenüber kri­tis­chen, aufgek­lärten Sichtweisen geboten werden.
Dies scheint auch die Inten­tion von Jan Ass­mann zu sein, der die Mis­sa solem­nis und das von ihm propagierte kul­turelle Umfeld des Kom­pon­is­ten in Tra­di­tio­nen zu verorten ver­sucht, die er primär in ein­er wenig in die Tiefe gehen­den christlich zen­tri­erten Kul­tur­de­f­i­n­i­tion für Europa sehen will. Deren Entwick­lungslin­ien ver­sucht er, par­al­lel zu anderen tra­di­tion­al­is­tis­chen und teil­weise pop­ulis­tis­chen Sichtweisen, über jüdis­che Wurzeln hin­aus bis in die Reli­gion Ägyptens zurück­zuführen. Wie der Autor selb­st sagt, geht es ihm um ein „Ent­neu­tral­isieren“ des Kunst­werks Mis­sa solem­nis.
Das Buch ist zweigeteilt, wobei Ass­mann mehr als die Hälfte ein­er sehr all­ge­mein gehal­te­nen Geschichte des christlichen Kults und der christlichen Kün­ste wid­met. Der Rest stellt primär eine Werkbeschrei­bung auf der Basis bish­eriger Abhand­lun­gen dar, ohne dass der Autor hier­bei eigene Erken­nt­nisse hinzuzufü­gen vermag.
Der präg­nant for­mulierte Eurozen­tris­mus von Ass­man­ns The­sen erin­nert teil­weise an die kul­turelle Hege­monie des europäis­chen Nation­al­is­mus, die durch die Kolonisierung und Vere­in­nah­mung der Antike eine ange­bliche Über­legen­heit der west­lichen Kul­tur pos­tuliert. Auch die Ter­mi­nolo­gie Ass­man­ns knüpft an entsprechende Sichtweisen an, etwa wenn er kon­se­quent von der Kul­tur des „Abend­lan­des“ spricht, einem Syn­onym, das wie kein anderes für eine Über­nahme, Ret­tung und Weit­er­en­twick­lung eines anson­sten ver­loren geglaubten mor­gen­ländis­chen Erbes steht.
Eben­so rück­wärts­ge­wandt und durch die kri­tis­che Forschung wider­legt sind Ass­man­ns Aus­sagen zur Sin­gu­lar­ität der europäis­chen Kün­ste, beson­ders hier der poly­fo­nen Musik, als west­liche, aus dem christlichen Kult erwach­sene Errun­gen­schaft mit einem Anspruch auf Schön­heit, die anderen Reli­gio­nen und Kul­turen fremd sei. In sein­er Argu­men­ta­tion greift der Autor häu­fig auf ältere ein­führende Texte zurück, deren Plaka­tiv­ität nicht nur als über­holt, son­dern heute als unangemessen vere­in­fachend gel­ten muss. Das intellek­tuelle Umfeld von Beethoven, das vielschichtige Wien der Aufk­lärung, wird hinge­gen kaum thematisiert.
Der eigentliche Kern von Ass­man­ns Buch, auf 20 Seit­en am Ende sein­er Aus­führun­gen zu find­en, ist ein Wider­spruch zu Adornos aufgek­lärter Kri­tik der Mis­sa solem­nis, welche die Autonomie des Kunst­werks und christliche Textge­bun­den­heit der Messe nicht würdige.
Volk­er Schier