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Ute Grundmann

Künstlerisches Gespür und ökonomisches Denken

Ueli Häsler ist am Theater Altenburg-Gera für Fundraising zuständig

Rubrik: Über die Schulter
erschienen in: das Orchester 1/2022 , Seite 18

Sein Handy hütet mehr als 1300 Kontakte, die er jederzeit aktivieren kann. Das wird immer dann nötig, wenn am Theater Altenburg-Gera ein Projekt ansteht, das es aus den öffentlichen Zuwendungen allein nicht stemmen kann. Solche Mittel einzuwerben, ist die Aufgabe von Ueli Häsler – er betreibt und koordiniert, was neudeutsch Fundraising heißt. Und deshalb beschäftigt ihn, neben der alltäglichen, auch die grundsätzliche Frage: Wo steht das Mehrspartentheater in der Kulturlandschaft?
„Die Rahmenbedingungen für Kulturinstitutionen haben sich in den vergangenen 30 Jahren wesentlich verändert.“ Für Häsler ist die Zeit vorbei, „wo Theater vollständig von Städten, Landkreisen und Ländern ausfinanziert sind“. Die Bühnen in Altenburg und Gera firmieren zusammen als eines der rar gewordenen Fünf-Sparten-Theater in Deutschland – inklusive Ballett und Puppentheater. Und wenn man da zum Beethovenjahr nicht nur das Übliche bieten, sondern Thüringer Komponisten aus der Beethovenzeit präsentieren will, lässt sich das aus dem normalen Etat nicht ohne Weiteres finanzieren. Ein Komposi­­tionsauftrag an Sarah Nemtzov (Uraufführung wegen Corona erst 2022) ebenfalls nicht. Dann muss Ueli Häsler, ausgebildeter Oboist und Dirigent, weitergebildet im Kulturmanagement, in die Spur; mit künstlerischem Gefühl und ökonomischem Denken – „das ist das Spannende“.
Doch Ueli Häsler ist nicht ­allein auf Mittelsuche: Da gibt es die „Großen“, „Berlin, Zürich, Wien, die für Sponsoren interessanter“ sind – oder die vielen freien Akteure und Ensembles. Außerdem ist man in Ost­­thüringen zu Hause, wo es „kaum große, deutschlandweite oder internationale Konzerne gibt“. Also muss man mit kreativen Ideen und Projekten potenzielle Unterstützer neugierig machen. Mit dem Schauspiel war man in Griechenland, in Burkina Faso und in Israel, was durchaus auch Rückwirkung hat: kreativer Input für die Künstler, neue Erfahrungen mit Publikum, Gegengastspiele und, nicht zuletzt, überregionale Aufmerksamkeit. Mit der rumänischen Partnerstadt Temeswar ergab sich Besonderes: Zusätzlich zum Theaterangebot lud der Botschafter zu drei Konzerten ein, der Deutschlandfunk und Radio Romania schalteten sich ein und ein „Thementag“ in ­Altenburg und Gera kam dazu.
Für all das muss man aber nicht nur Netzwerke pflegen, Öffentlichkeitsarbeit betreiben (die für Kulturförderer enorm wichtig ist), innovative Ideen haben, sondern auch Anträge schreiben. Institutionelle Förderung gibt es in Deutschland von Bund, Ländern, Stiftungen und halbprivaten Förderern – da müssen Projekte auch den jeweiligen Richtli­nien entsprechen. Solche Bürokratie findet der schweizerisch-deutsche Doppelbürger Ueli Häsler in Ordnung, auch wenn „Endverwendungsnachweis und Sachbericht“ dazugehören.
Zumal das alles im Team erfolgt, wie auch Pläne und Projekte gemeinsam mit den Spartenleitern entwickelt werden. Häsler hat schon den nächsten Schritt im Blick, „PPP“ (public private partnership): die Kombination von privater und institutioneller Förderung. „Damit könnten wir noch breiter aufgestellt sein, Dinge ermöglichen, die der normale Theaterbetrieb nicht leisten kann.“ Sein Fazit: „Wir sind angehalten, innovativ zu sein. Und das ist gut so.“

 

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