Krzysztof Penderecki

Concertos for String Instruments and Orchestra, Vol. I/Chamber Music: Violoncello Totale, Vol. II

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Dux
erschienen in: das Orchester 01/2018 , Seite 72

Der 85. Geburt­stag ist in Reich­weite, und angesichts seines vielgestalti­gen Œuvres darf sich der 1933 geborene „Ex-Bürg­er­schreck“ Krzysztof Pen­derec­ki gewiss als Klas­sik­er fühlen. Zumal angesichts ein­er vom pol­nis­chen Label Dux pro­duzierten CD-Rei­he, die auf eine Gesamtschau der Instru­men­tal­w­erke abzielt und seit 2013 erscheint.
Nach ein­er exper­i­men­tier­lusti­gen Phase, die ihm frühen Ruhm ein­brachte, änderte Pen­derec­ki seit etwa 1980 die Rich­tung: Seine Musik ver­ließ die Bah­nen der Avant­garde, ihr Idiom wurde kon­ven­tioneller. Hört man nun Werke ver­schieden­er Schaf­fen­sphasen unmit­tel­bar nacheinan­der – und hierzu lädt die Auf­nahme­serie ein –, so tritt neben den Unter­schieden auch das Über­greifend-Gemein­same zu Tage: Stets war instru­men­tale (Hyper-)Virtuosität ein Movens von Pen­dereck­is Kom­ponieren. Überdies herrscht meist ein qua­si-drama­tis­ch­er Ges­tus, der, über­spitzt gesagt, von nichts han­delt. Es ist immer viel los, die Klänge rasen und schnauben, doch woher kom­men sie, wohin gehen sie, was sagen sie uns?
Die 2015 in der Dux-Serie erschienene Pro­duk­tion Con­cer­tos for String Intsru­ments and Orches­tra enthält zwei Werke aus der früheren und zwei aus der späteren Phase. Ungewöhn­liche Instru­men­tal­ef­fek­te, Ras­seln, Guiros, elek­trische Gitar­ren dort, später dage­gen über­wiegend an die Kon­ven­tion angelehnte, bedeu­tungss­chwan­gere Kampf- und Klagetöne. Ohne Zweifel ver­di­enen sich die Solis­ten der let­zteren Kom­po­si­tio­nen – die Cel­lis­ten Ivan Monighet­ti und Clau­dio Bohórquez – eben­so große Meriten wie die Pro­tag­o­nis­ten der Früh­w­erke: die Geigerin Patryc­ja Piekutows­ka und der Cel­list Jakob Spahn.
Spahn agiert auch als grandios­er Spir­i­tus Rec­tor der CD Vio­lon­cel­lo totale. Der 1983 geborene Musik­er war 2010 Preisträger beim ARD-Musik­wet­tbe­werb und wirkt seit 2011 als Solo­cel­list der Bay­erischen Staat­sop­er. Mit stu­pen­der Tech­nik, hinge­bungsvollem Espres­si­vo und zugle­ich spielerisch­er Leichtigkeit (etwa im Capric­cio per Siegfried Palm) meis­tert er alles, was der cel­lobegeis­terte Kom­pon­ist seinen Inter­pre­ten auf den Leib geschrieben hat. Vielle­icht saß bei den Auf­nah­men das Mikro­fon gele­gentlich sehr nah am Steg von Spahns Cel­lo? Gle­ich­wohl: Zu Pen­dereck­is Aus­brüchen passt der cel­lis­tis­che „Riesen-Sound“ nicht schlecht.Neben fünf Solow­erken – dem Capric­cio, ein­er ursprünglich für Vio­la kom­ponierten Caden­za, der Ros­tropow­itsch-Huldigung Per Sla­va, ein­er Suite und der titel­geben­den Vio­lon­cel­lo totale-Etüde – enthält die CD drei Ensem­blestücke, in denen Jakob Spahn zusam­men mit pol­nis­chen Cel­lis­ten musiziert. Neben ein­er Gele­gen­heits-Ser­e­na­ta und ein­er Bear­beitung aus dem Pol­nis­chen Requiem hören wir eine „Ciac­cona in memo­ri­am Papst Johannes Paul II.“ für sechs Cel­li… die Gren­ze zum Sakro-Pop ist greif­bar nahe.
Ger­hard Anders