Harada, Moto / Matthias Kruse (Hg.)

Koreanische Kammermusik

Mit Kompositionen von Shin-Ju Hong, Gene Woo Lee und Gyu-Bong Yi

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Olms, Hildesheim 2010
erschienen in: das Orchester 12/2010 , Seite 70

Die Stiftung Universität Hildesheim legt in einer neuen Reihe „Musiken der Welt – Weltmusik“ den ersten Band mit koreanischer Kammermusik vor. Herausgeber sind der geschäftsführende Direktor des Instituts Matthias Kruse und der japanische Pianist Motosugu Harada, der seit 1988 in Hildesheim lehrt. In dieser Reihe sollen vorzugsweise solistische und kammermusikalische Besetzungen aus unterschiedlichen Kulturen vorgestellt werden und die Herausgeber hoffen, zu einem lebendigen Kennenlernen der Musiken und damit zu einem intensiven Musikaustausch beitragen zu können.
Die Europäer haben in der Vergangenheit schon oft aus dem fernen Osten Neues und Unbekanntes mit nach Hause gebracht, wenn man an Marco Polo in China und die Entdeckungsreisen der Spanier, Portugiesen und Holländer denkt. Die Weltausstellung in Paris im Jahr 1900 brachte viel Inspiration aus Ostasien, und Musiker wie Claude Debussy und Maurice Ravel nahmen asiatische Klänge in ihre Musik auf. Umgekehrt hat sich die „klassische, westliche“ Musik in der ganzen Welt verbreitet und genießt gerade im asiatischen Raum eine ungebrochene Beliebtheit. Viele Instrumentalisten, Sänger und Komponisten aus diesen Ländern studieren in Europa und den USA und die vielfach traditionellen Musizierweisen, die sie mitbringen, vermischen sich mit der klassischen „E-Musik“ des Westens. Am deutlichsten sichtbar ist das natürlich bei Kompositionen, und die Tonsprache eines Isang Yun, Toru Takemitsu oder Toshio Hosokawa sind schöne Beispiele einer gelungenen Assimilation.
Im vorliegenden Band (leider nur als Partitur, was bei Aufführungen zum Kopieren verführt) werden nun drei kurze Werke vorgestellt: von Shin-Ju Hong (*1965) ein Tanz für Sopran und Klavier, von Gene Woo Lee (*1959) Mensch ohne Wissensdurst für Flöte, Mezzosopran und Klavier und von Gyu-Bong Yi (*1961) ein Nocturne II für Flöte und Klavier.
Die Komponisten haben nach Studien in Korea in Deutschland und den USA studiert und bedienen sich größtenteils der westlichen Musiksprache. Von koreanischer Musik ist wenig zu spüren, obwohl die traditionelle koreanische Musik mit den beiden Hauptzweigen „Jeong-Ak“, Ritual­musik und Hofmusik, deren Puls der menschliche Atem ist, und „Minseok-Ak“, die emotionale, vitale Folkloremusik mit Improvisationen, ein reiches Feld von Anregungen bietet. Vielleicht liegt es an der Bescheidenheit der Komponisten, dass sie nicht den Mut haben, mehr Elemente der überaus vielfältigen und interessanten Musikkultur ihres Landes in ihre Werke einfließen zu lassen. Am ehesten noch erinnern Fünf-Ton-Skalen im Tanz von Hong oder verfremdete Klänge in Flöte und Klavier im Nocturne von Yi an ostasiatische Musik, während die deutsche Übersetzung von Menschen oh­ne Wissensdurst doch etwas gekünstelt wirkt – im Koreanischen ist das sicher überzeugender. Trotzdem könnten diese kleinen Kompositionen als Einführung in moderne Klangsprachen im pädagogischen Bereich ihre Verwendung finden. Die gute Idee, solch eine Reihe zu initiieren, sollte unbedingt fortgeführt werden, und man darf gespannt sein auf die nächsten Bände der „Musiken der Welt“.
Thomas Richter