Paolo Litta

Konzert-Trilogie für Violine und Klavier: Der Minne- See/Die entschleierte Göttin/Der Tod als Fiedler

Ilona Then-Bergh (Violine), Michael Schäfer (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Genuin GEN 20690
erschienen in: das Orchester 09/2020 , Seite 95

Seit Jahren gehören die CDs von Ilona Then-Bergh und Michael Schäfer zu den erfreulich­sten Beiträ­gen im Bere­ich der Klas­sik-Neuer­schei­n­un­gen. Mit bis­lang jed­er Veröf­fentlichung wusste das Duo in ver­steck­te Nis­chen vorzus­toßen und dabei Vergessenes und zu Unrecht Ver­nach­läs­sigtes ans Licht zu heben.
Kein Wun­der also, dass auch die neueste Pro­duk­tion viel Fut­ter für Neugierige bietet. Gegen­stand ist eine Konz­ert-Trilo­gie des kaum bekan­nten Kom­pon­is­ten Pao­lo Lit­ta (1871–1931). Genauer gesagt han­delt es sich um eine Gruppe von drei aus­gedehn­ten Werken – “Der Minne-See” (1909), “Die entschleierte Göt­tin” (1912) und “Der Tod als Fiedler” (1924) –, die nicht nur jew­eils von pro­gram­ma­tis­chen Kon­tex­ten bes­timmt, son­dern darüber hin­aus auch durch (teils außeror­dentlich aus­gek­lügelte) Leit­mo­tive miteinan­der verknüpft und aufeinan­der bezo­gen sind.
Diese Konzep­tion ist in der Lit­er­atur für Vio­line und Klavier eben­so ein­ma­lig wie die von Lit­ta in seinen Vor­worten im Sinne „getanzter Kam­mer­musik“ mitbe­dachte szenis­che Real­isierung durch eine Tänz­erin sowie die (auf der CD nicht berück­sichtigte) Möglichkeit ein­er Ad-libi­tum-Hinzuziehung von Schla­gin­stru­menten (Tri­an­gel und Zim­beln) zum zweit­en und drit­ten Stück.
Then-Bergh und Schäfer set­zten Lit­tas spätro­man­tisch schweifende Musik mit dif­feren­ziertem Zugriff auf die klan­glichen Möglichkeit­en von Vio­line und Klavier um und ver­lei­hen dabei jed­er Tondich­tung ein eigenes Pro­fil. Der vier Sätze umfassende “Minne-See” prof­i­tiert allein schon auf­grund sein­er enor­men Spiel­d­auer von 36 Minuten vom aufmerk­samen Zusam­men­spiel des Duos: Die Sim­pliz­ität zarter Pianophrasen wech­selt hier mit emphatis­chen Forte-Kan­tile­nen ab, ständi­ges Ruba­to-Spiel und fließende Aus­drucks- und Tem­poübergänge bele­gen die lange, gegen­seit­ige Ver­trautheit der bei­den Part­ner miteinan­der.
Im 25-minüti­gen Mit­tel­stück der Trilo­gie ste­ht hinge­gen viel stärk­er der sprach­na­he Ges­tus der Musik im Zen­trum, der sich von einem qua­si-dial­o­gis­chen Agieren der Instru­mente aus in drama­tis­chen Pas­sagen zus­pitzt, um dann zum Ende hin – unter­stützt durch illus­tra­tive Vor­tragsan­weisun­gen – den Charak­ter ein­er Trauer­musik anzunehmen.
In spiel­tech­nis­ch­er Hin­sicht beson­ders her­aus­fordernd ist die mit „Vir­tu­osen-Rhap­sodie“ unter­titelte let­zte Kom­po­si­tion, die auch in klan­glich­er Hin­sicht – durch­zo­gen von geräuschvoll in den Klan­graum stechen­den, auf den Sait­en hin­ter dem Steg gespiel­ten Tremo­lo-Ein­wür­fen der Vio­line – Extrem­bere­iche berührt und darüber hin­aus mit den größten Aus­druck­skon­trasten aufwartet. Auf­grund ihrer aufmerk­samen Behand­lung leit­mo­tivis­ch­er Momente sor­gen Then-Bergh und Schäfer immer wieder dafür, dass sich ger­ade hier, zwis­chen Momenten außeror­dentlich­er Vir­tu­osität, über­dreht­en Toten­tanz-Into­na­tio­nen und dro­hen­den Klang­bal­lun­gen in den tiefen Klavier­reg­is­tern, die gedankliche Verbindung zu den übri­gen Kom­po­si­tio­nen wieder ein­stellt.

Ste­fan Drees