Johann Matthias Sperger

Konzert für Viola und Orchester

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Edition Massonneau
erschienen in: das Orchester 02/2019 , Seite 62

Solokonz­erte für die Vio­la aus der Zeit der Klas­sik gibt es nur wenige. Umso wichtiger ist es, sich mit dem Vio­lakonz­ert von Sperg­er zu befassen, der nicht nur Konz­erte für Kon­tra­bass und Trompete, son­dern auch ein spie­lenswertes Duo für Vio­la und Kon­tra­bass kom­poniert hat. Sein Vio­lakonz­ert wurde in den ver­gan­genen Jahren von dem ungarischen Bratschis­ten Vidor Nagy wieder­ent­deckt und auf CD einge­spielt. In der Aus­gabe der Ikuro-Edi­tion hat er die Ein­rich­tung über­nom­men und die Solokadenz beiges­teuert.
Die neue Aus­gabe durch die Edi­tion Mas­son­neau ver­wen­det die Solokaden­zen von Clemens Mey­er, dem früheren Solo­bratschis­ten der Meck­len­bur­gis­chen Staatskapelle und des Bayreuther Fest­spielorch­esters, der außer­dem ein bedeuten-der Erforsch­er der Meck­len­burg-Schw­er­iner Hofkapelle war. Dort war der aus Öster­re­ich stam­mende Sperg­er Kon­tra­bassist. Für die Edi­tion Mas­soneau, die sich musikalis­chen Wieder- und Neuent­deck­un­gen in Meck­len­burg-Vor­pom­mern wid­met, ist es deshalb ein beson­deres Anliegen, diesen Kom­pon­is­ten heute wieder bekan­nter zu machen.
Die Edi­tion löst ihren eige­nen hohen Anspruch ein: Die Noten sind auf hochw­er­tigem Papi­er gedruckt, es gibt ein lesenswertes Vor­wort von Rein­hard Wulfhorst, das über den Kom­pon­is­ten und sein Werk bestens informiert, und die Web­site des Ver­lags stellt einen umfan­gre­ichen Edi­tions­bericht bere­it, der über alle Verän­derun­gen detail­liert Rechen­schaft ablegt.
Sperg­ers Vio­lakonz­ert hat zwei Beson­der­heit­en: Es ist in ein­er rel­a­tiv hohen Ton­lage ange­siedelt und sieht eine Sko­r­datur der Vio­la um einen hal­ben Ton tiefer vor, damit das Spiel erle­ichtert wird (D-Dur anstelle von Es-Dur in den Eck­sätzen). In der vor­liegen­den Aus­gabe (wie auch in der Aus­gabe der Ikuro-Edi­tion) gin­gen die Her­aus­ge­ber den umgekehrten Weg: Sie transponierten den gesamten Orch­ester­part nach D-Dur.
Gewiss kön­nen Anhänger der his­torischen Auf­führung­sprax­is gegen dieses Ver­fahren den Ein­wand gel­tend machen, dass der Charak­ter von Es-Dur ein ander­er als der von D-Dur ist, aber für die Prax­is und für eine gute Ver­bre­itung dieses Konz­erts spricht die hier gewählte Lösung, zumal die Edi­tion Mas­son­neau Inter­essen­ten auch die ursprüngliche Scor­datur-Fas­sung auf Anfrage zur Ver­fü­gung stellt.
Die hohe Lage hat zur Hypothese geführt, dass Sperg­er das Konz­ert für eine fün­f­sait­ige Bratsche mit E-Saite kom­poniert hat. Allerd­ings gibt es keinen Nach­weis, dass eine solche Vio­la am Hof in Schw­erin ver­wen­det wurde. Außer­dem ist die Begrün­dung, dass bei barock­en Bratschenin­stru­menten ein solch hohes Lagen­spiel auf der A-Saite klan­glich nicht überzeu­gend gewe­sen wäre, ein­er mod­er­nen Sichtweise geschuldet, die Solokonz­erte mit lautem und großen Ton gle­ich­set­zt. Auch wer heute dieses Konz­ert auf­führt, sollte auf ein eher kam­mer­musikalis­ches Spiel acht­en. Er kann dann beweisen, dass die Vio­la keineswegs behäbig, son­dern höchst vir­tu­os, hell und geistvoll klin­gen kann.
Franzpeter Mess­mer