Iwan Müller

Konzert

für Klarinette und Orchester Nr. 6, Klavierauszug

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Edition Springquell
erschienen in: das Orchester 03/2019 , Seite 62

Die Entwick­lung der Klar­inette wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhun­derts maßge­blich durch den in Reval (Tallinn) gebore­nen Iwan Müller (1786–1854) vor­angetrieben. Er war als durch Europa reisender kom­ponieren­der Klar­inet­ten-Vir­tu­ose zugle­ich als sein eigen­er Botschafter unter­wegs, um die Klar­inet­ten­welt von seinen bahn­brechen­den Erfind­un­gen zu überzeu­gen. Sein Ziel war, Klar­inet­tis­ten durch Verbesserun­gen und Anbringung weit­er­er Klap­pen am Instru­ment in die Lage zu ver­set­zen, alle Tonarten gut klin­gend spie­len zu kön­nen, um damit den Wech­sel zwis­chen den ver­schieden ges­timmten Instru­menten über­flüs­sig zu machen.
Müllers Pro­jekt der „clar­inette omni­tonique“ mit jet­zt 13 Klap­pen hat­te zwar beim Paris­er Kon­ser­va­to­ri­um zunächst keine Anerken­nung gefun­den, sich aber dann doch durchge­set­zt. Darüber hin­aus machte er sich Gedanken über die Verbesserung der Klap­pen­pol­ster und auch die Blattschraube geht auf seine Erfind­ung zurück.
Als Kom­pon­ist hat er auf beliebten Opernar­ien basierende Air var­ié und Fan­tasien geschrieben, die in den Vari­a­tio­nen­fol­gen Gele­gen­heit zur Demon­stra­tion der Vir­tu­osität bieten. Diesem Zweck dienen auch die sieben Solokonz­erte Iwan Müllers, von denen das erste im Neu­druck 2012 in der Edi­tion Ebenos (siehe das Orch­ester 4/2013, S. 68) erschienen ist, und das 6. Konz­ert jet­zt von der Klar­inet­tistin Friederike Roth her­aus­gegeben wur­de, die sich als Inter­pretin mit zwei CD-Ein­spielun­gen u.a. mit diesem Konz­ert (Dabring­haus und Grimm MDG 901 1846–6) beson­ders inten­siv mit dem Werk Iwan Müllers beschäftigt hat.
Das 1824 veröf­fentlichte Konz­ert entspricht for­mal der gängi­gen Dreisätzigkeit mit fließen­den Satzübergän­gen und ste­ht in g-Moll. So hebt die Orch­ester­ex­po­si­tion mit drama­tis­chem Ges­tus an, der sich ab dem Ein­satz der Solo-Expo­si­tion mit einem ruhigeren melodis­chen Ver­lauf und dann ein­set­zen­den ver­schiedenar­ti­gen Spielfig­uren aber wieder ver­liert und erst im Schlusstut­ti wieder here­in­bricht. Im Mit­tel­satz demon­stri­ert Müller die Fähigkeit­en seines Instru­ments in A-Dur unter häu­figer Ver­wen­dung der mitt­leren Lage, während er sich im Schlusssatz der beliebten Polac­ca mit einem Bolero-Ein­schlag bedi­ent, um über dem markan­ten Rhyth­mus­mod­ell bei begren­ztem har­monis­chem Geschehen der Vir­tu­osität freien Lauf zu lassen.
Stilis­tisch zeigt das Konz­ert bei der Behand­lung der Solopar­tie noch nicht in die Rich­tung des roman­tis­chen Aus­drucks. Die Nutzung des tiefen Reg­is­ters als klangsinnliche Aus­drucksmöglichkeit wie sie Carl Maria von Weber ein Jahrzehnt zuvor gezeigt hat, ist bei Iwan Müller nicht zu find­en. Der Orch­ester­part hat neben den Tut­ti-Ein­wür­fen wenig Anteil am motivis­chen Geschehen und beschränkt sich weit­ge­hend auf die Rolle der har­monis­chen Unter­stützung des Solis­ten.
Die Her­aus­gabe des Konz­erts mit einem nach den Stim­men des Erst­drucks von Jean-Christophe Char­ron erstell­ten gut spiel­baren Klavier­auszug mit Instru­men­ta­tion­sangaben ergänzt das Stu­di­en­ma­te­r­i­al an Konzertlit­er­atur aus dem frühen 19. Jahrhun­dert.
Herib­ert Haas