Bodo Plachta/Achim Bednorz

Komponistenhäuser

Wohn- und Arbeitsräume berühmter Musiker aus fünf Jahrhunderten

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Deutsche Verlags-Anstalt
erschienen in: das Orchester 03/2019 , Seite 56

In welch­er sozio-kul­turellen Umge­bung ent­stand klas­sisch gewor­denes Reper­toire? Dem sank­tion­ierten Kanon der bürg­er­lichen Musikrezep­tion fol­gend, haben Bodo Plach­ta (Text) und Achim Bed­norz (Fotos) in doch sub­jek­tiv­er Auswahl 27 „Wohn- und Arbeit­sräume berühmter Musik­er“, vor allem aus Zen­traleu­ropa, vom Barock bis zur Mod­erne beschrieben und visuell doku­men­tiert.
Das Inter­esse und Engage­ment, an bedeu­tende Musik­er­per­sön­lichkeit­en sicht- und nah­bar zu erin­nern, begann im 19. Jahrhun­dert. Deshalb sind Orig­i­nal-Kom­pon­is­ten­häuser aus früher­er Zeit nicht oder nur rudi­men­tär erhal­ten, auch bed­ingt durch Kriegsz­er­störun­gen oder Nach­läs­sigkeit. Der Dien­st­sitz von Johann Sebas­t­ian Bach in Leipzig etwa wurde im Zuge städte­baulich­er Mod­ernisierung 1902 abgeris­sen.
Trotz­dem blieben dort einige Gebäude intakt und wur­den als Gedenkstät­ten ein­gerichtet, so für Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Schu­mann und Edvard Grieg, der beim Musikver­lag C.F. Peters eine saisonale Unterkun­ft hat­te, sein Kom­ponierkon­tor in Trold­hau­gen (Nor­we­gen) wird aber nicht erwäh­nt. Außer Leipzig ist auch Wien mit mehreren Kom­pon­is­ten wie Franz Schu­bert, Wolf­gang Amadeus Mozart und Johannes Brahms vertreten.
Kurze Biografien und das his­torische Umfeld charak­ter­isieren auf diese Weise ein je indi­vidu­elles Milieu. Wozu ins­beson­dere Detail­wis­sen über Interieurs (Möbel, Tape­ten, Instru­mente etc.) der Lebens- und Arbeits­ge­wohn­heit­en gehören, sodass in Verbindung mit den darauf fokussierten Fotos gewisse sinnliche Ein­drücke entste­hen.
Ein ander­er Aspekt sind imposante Luxusvillen – „architek­tonis­che Selb­st­porträts“ –, die sich arriv­ierte Kom­pon­is­ten wie Giuseppe Ver­di oder Richard Strauss leis­ten kon­nten, während Mau­rice Rav­el oder Gus­tav Mahler eher abgeschiedene Refugien kauften.
Wo keine Relik­te von Woh­nun­gen geblieben oder ver­füg­bar (Fam­i­lienbe­sitz) waren, bemühte man sich um Rekon­struk­tio­nen wie das Arbeit­sz­im­mer von Arnold Schön­berg oder sorgte für ein Muse­um (meis­tens mit Archiv) wie die Vil­la Wah­n­fried von Richard Wag­n­er. So ergibt sich eine dur­chaus repräsen­ta­tive Typolo­gie der Kom­pon­is­ten­häuser, wenn auch Ver­gle­iche zu nicht so wohlhaben­den Kol­le­gen (von Kol­legin­nen ganz zu schweigen) fehlen.
Zwar kann der opu­lente Bild­band keine Geheimnisse klas­sis­ch­er Musikpro­duk­tion lüften, aber er zeigt anschaulich, dass Kom­pon­is­ten nicht in Kokons lebten, son­dern viele von ihnen Fam­i­lie und Kinder, Pflicht­en und Arbeits­diszi­plin hat­ten, Geschäft­sleute und Man­ag­er ihrer selb­st waren. Manche Schwächen einzel­ner – die Alko­hol­sucht von Max Reger oder die psy­chis­che Labil­ität von Robert Schu­mann – wer­den punk­tuell genan­nt, aber nicht immer genau kon­tex­tu­al­isiert. Neben Reisen und Konz­ert­tätigkeit­en war das jew­eilige Kom­pon­is­ten­haus ger­ade im Alter ein willkommen­er Ort der Ruhe. Diese Impres­sio­nen, und das ist ein Ver­di­enst der Autoren, erhöhen die Kom­pon­is­ten nicht zu welt­frem­den Genies in gold­e­nen Käfi­gen, son­den brin­gen sie auf men­schlich­es Maß.
Hans-Dieter Grüne­feld