Interview: Antje Rößler

Komponieren ohne Ehefesseln

Barbara Beuys hat die Biografie der Komponistin Emilie Mayer recherchiert und aufgeschrieben

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: das Orchester 02/2022 , Seite 29

Emilie Mayer, 1812 im mecklenburgischen Friedland geboren, schlug eine erfolgreiche Laufbahn als Komponistin ein. Mal in Berlin, mal in Stettin lebend, schrieb sie auch Sinfonien, was dem Frauenbild ihrer Zeit vollkommen widersprach. Die Historikerin, Schriftstellerin und Journalistin Barbara Beuys hat die erste Biografie über diese hochbegabte und zielstrebige Künstlerin vorgelegt.

Frau Beuys, war Emi­lie May­er wirk­lich „Europas größte Komponistin“?
Ein Buchti­tel darf auch mal zus­pitzen, aber im Fall von Emi­lie May­er ist dieser Superla­tiv kaum über­trieben. Was die Quan­tität ange­ht, war sie mit Abstand die pro­duk­tivste Kom­pon­istin des 19. Jahrhun­derts: unter anderem mit acht Sin­fonien, 15 Ouvertüren, zehn Stre­ichquar­tet­ten. Ihr unge­heures Tal­ent wurde von den Musikkri­tik­ern ihrer Zeit, wenn auch manch­mal wider­strebend, vielfach bestätigt.

Mal abge­se­hen von der Begabung – was hat so einen Aus­nahme-Werde­­gang ermöglicht?
Eine Grund­lage dafür find­et sich in der Kind­heit. Emi­lie May­er wuchs in Fried­land auf. Als Fün­fjährige begann sie mit dem Klavierun­ter­richt, was damals in bürg­er­lichen Schicht­en ganz nor­mal war. Ihr Lehrer, der örtliche Organ­ist und Kan­tor, war eine ungewöhn­liche Per­sön­lichkeit, denn als Emi­lie ihm eigene Tänze, Ron­dos und Vari­a­tio­nen vor­spielte, ermutigte er sie: „Wenn du so weit­er­ma­chst, wird was aus dir.“ Das war damals ein absoluter Tabubruch, galt doch die Mut­ter­schaft als Leben­sziel jed­er Frau. Die Tal­ente von Mäd­chen wur­den im Keim erstickt.

Wie hat der Vater darauf reagiert?
In der Fam­i­lie muss eine aufgeschlossene Atmo­sphäre geherrscht haben, da der Vater nicht ein­schritt. Schließlich beschloss Emi­lie May­er, die Musik zu ihrem Lebensin­halt zu machen. Als der Vater starb, war die 29-Jährige noch unver­heiratet, was sehr ungewöhn­lich war. Kurz darauf pack­te sie ihre Kof­fer und zog nach Stet­tin, wo sie bei dem Kom­pon­is­ten Carl Loewe vor­sprach, der ihr Lehrer wurde. Loewe hat ihre ersten bei­den Sin­fonien in Stet­tin auf­führen lassen. Das gab ihr den Mut, ein paar Jahre später nach Berlin zu gehen und ihr erstes Konz­ert im Königlichen Schaus­piel­haus zu organisieren.

Wie hat es Emi­lie May­er geschafft, sich im männlich dominierten Musik­leben durchzusetzen?
In Frankre­ich kon­nte auch eine Schrift­stel­lerin wie George Sand Erfolg haben, die in Män­nerklei­dung und mit Zigarre auf­trat. Emi­lie May­er hat erkan­nt, dass sie im deutschen Kul­tur­raum listig vorge­hen muss: Sie trat beschei­den, fre­undlich, zurück­hal­tend auf. Das entsprach dem herrschen­den Frauen­bild und machte es den Män­nern leicht, sie zu fördern. Das war ein­deutig eine Tak­tik. Hin­ter den Kulis­sen hat sie ihre Konz­erte und alles, was damit zusam­men­hing, ziel­stre­big und selb­st­be­wusst organ­isiert. Sie pflegte Kon­tak­te mit Musik­ern, Orch­estern und Ver­la­gen. Ab 1841 erle­ichterte ihr übri­gens die neue Zugverbindung zwis­chen Berlin und Stet­tin das Reisen. Mit der Postkutsche dauerte das 16 Stun­den, und Frauen braucht­en hier immer eine männliche Begleitung. Mit dem Zug fuhr man diese Strecke in viere­in­halb Stunden.

Kön­nten Sie ein Beispiel für ihr ziel­stre­biges Vorge­hen nennen?
Als Stet­tiner­in, also aus der „Prov­inz“ kom­mend, trat sie 1841 erst­mals mit ihren Kom­po­si­tio­nen im Berlin­er Königlichen Schaus­piel­haus auf. Dabei brauchte sie dazu die Zus­tim­mung des Königs. Das ist doch eine Sensation!
Wie ist ihr das gelungen?
Den Ken­nern war sie bere­its ein Begriff, weil es zuvor zwei Besprechun­gen ihrer Werke in der Neuen Berlin­er Musikzeitung gab. Lud­wig Rell­stab – die Autorität unter den Musikkri­tik­ern, zugle­ich aber sehr kon­ser­v­a­tiv – hat ihr erstes Berlin­er Konz­ert mit einem Pauken­schlag angekündigt: Dass hier eine Frau auss­chließlich eigene Werke auf­führe, sei ein „Unicum in der musikalis­chen Welt­geschichte“. Das Konz­ert war so erfol­gre­ich, dass Emi­lie May­er fünf Jahre lang jedes Früh­jahr eine Ver­anstal­tung im Schaus­piel­haus organ­isierte, wofür sie immer wieder neue Werke schrieb. Das wäre auch für einen Mann ein unglaublich­er Erfolg.

 

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