Lena-Lisa Wüstendörfer

Klingender Zeitgeist

Mahlers „Vierte Symphonie“ und ihre Interpretation um die Jahrtausendwende

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Edition Text & Kritik, München
erschienen in: das Orchester 11/2019 , Seite 59

Mahlers Musik boomt. Das Wie und Warum ver­sucht Lena-Lisa Wüs­tendör­fer in ihrer jüngst in München veröf­fentlicht­en Dis­ser­ta­tion in unter­schiedlichen Inter­pre­ta­tion von Gus­tav Mahlers 4. Sym­phonie nachzuweisen. Dabei arbeit­et sie im schwierig zu fassenden Fach­bere­ich „Inter­pre­ta­tions­forschung“ in einem zudem noch sehr jun­gen Zweig der Musik­wis­senschaft, die „in inter­diszi­plinär­er Verbindung der Wahrnehmungspsy­cholo­gie oder Rech­n­ergestützter Wis­senschaften“ Inter­pre­ta­tion­s­merk­male analysierend zu objek­tivieren ver­sucht. Also wohl das zu beweisen ver­sucht, was wir als Rezip­i­en­ten und ins­beson­dere Musikkri­tik­er beim Anhören von ein und dem­sel­ben Musik­stück seit je ver­suchen: näm­lich bes­timmte Merk­male der Inter­pre­ta­tion­stilis­tik her­auszu­fil­tri­eren und diese in assozi­a­tion­ss­chwere Worte zu for­men.
Zehn ver­schiedene Auf­nah­men, auf­grund eines trans­par­enten Kri­te­rienkat­a­loges und von pro­fes­sionellen Inter­pre­ten einge­spielt (unter anderem von Haitink, Abba­do, Rat­tle, Boulez oder Nor­ring­ton), hat­te die Autorin aus­gewählt, um sie ana­lytisch genau zu ver­messen. Nach nicht ger­ade ein­fach zu lesender Dar­legung der method­is­chen Grund­la­gen ver­maß sie die Kopf­satz-Expo­si­tion und dort zunächst ins­beson­dere die Tem­pov­er­läufe – also wirk­lich objek­tivier­bare Kri­te­rien –, wobei sie eine Analyse-Soft­ware (Son­ic Visu­alis­er) benutzte. Dabei ver­fol­gte sie die Absicht, die klan­gliche Inter­pre­ta­tion als eigen­ständi­ge Man­i­fes­ta­tion der Kom­po­si­tion zu behan­deln, also „die for­male Gliederung der Kom­po­si­tion nicht aus der Par­ti­tur abzule­sen, son­dern dem jew­eili­gen Klan­gob­jekt selb­st abzugewin­nen“, wobei sie fest­stellte, dass eine exak­te Berech­nung schwierig war, „weil die Koor­di­na­tion des Orch­esters nicht immer so genau war, dass sich der metrische Impuls ein­deutig in einem Punkt fest­machen ließe“. Mess­fehler mussten gerun­det wer­den. Und dann: „Bere­its die Eröff­nungstak­te zeigen grundle­gende Dif­feren­zen hin­sichtlich der Zeit­gestal­tung.“
Die nach­fol­gen­den Seit­en weisen nun mehrere Dia­gramme auf, die den Ver­lauf des Kopf­satzes mit den jew­eili­gen Diri­gen­ten aufzeigen, die sich aber – erwartungsvoll banal – ähneln. Als näch­sten Schritt ermit­telt die Autorin die Grundtem­pi zum arith­metis­chen Mit­tel. Die Werte des binären Log­a­rith­mus der Tem­pov­er­hält­nisse find­en sich in ein­er weit­eren, staunenswerten Tabelle und kul­minieren gar in ein­er Formel, angesichts der­er der geneigte Leser spätestens jet­zt verzweifelt.
„Durch den Ein­bezug der for­malen Gliederung der Musik“, so Wüs­tendör­fer resümierend, seien „exem­plar­isch auch Erken­nt­nisse über eine klan­gliche Exegese“ von Mahlers Musik zu gewin­nen. Ähn­liche inter­pre­ta­tion­sstilis­tis­che Ten­den­zen bed­ingten nicht auch eine übere­in­stim­mende Werkex­egese. Ander­er­seits wür­den „die in der Zeit­gestal­tung man­i­festierten, unter­schiedlichen Anla­gen der Expo­si­tion“ der Vierten in ihren for­malen Deu­tun­gen „auf entsprechende Ten­den­zen der musik­wis­senschaftlichen Mahler-Inter­pre­ta­tion“ deuten.
Wern­er Boden­dorff