Landkammer, Joachim

Kleine Typologie der Laienmusiker

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Verlag der Kunstagentur Dresden, Dresden 2014
erschienen in: das Orchester 05/2015 , Seite 66

Eine Rezen­sion eines Buchs über Laien­musik­er in ein­er Zeitschrift, die über­wiegend von pro­fes­sionellen Musik­ern gele­sen wird? Bringt der Blick über den Teller­rand des eige­nen Tuns irgendwelche Erken­nt­nisse?
Da sowohl der Ama­teur als auch der Profi beim Musizieren zumeist in ein­er Gemein­schaft (Gle­ich­gesin­nter bzw. fast gle­ich Bezahlter) agiert, gibt es in bei­den Organ­i­sa­tion­sein­heit­en – als Vere­ins­mit­glied eines Lieb­haberorch­esters oder als Angestell­ter nach Tar­ifk­lasse A‑D im städtis­chen Orch­ester – Musizierende mit unter­schiedlich­er charak­ter­lich­er Dis­po­si­tion, denen Typ­is­ches anhaftet. Diese schwebten dem Autor Joachim Land­kam­mer beim Abfassen sein­er Beschrei­bun­gen von Laien­musik­ern vor. Um kom­pe­tent das vielschichtige, sen­si­ble Wesen des Laien­musik­ers zu erschließen, muss man ihn gut ken­nen. Dafür hat der Autor alle Voraus­set­zun­gen: Als dilet­tieren­der Cel­list und Klavier­spiel­er hat er nicht nur ein­schlägige Erfahrun­gen, auch als Wis­senschaftler beschäftigt er sich mit dem Dilet­tan­ten­tum und der Musikkri­tik. Die Typolo­gien sind seit 1998 für die Zeitschrift Das Lieb­haberorch­ester ent­standen und für die vor­liegende Buchaus­gabe über­ar­beit­et wor­den.
In 33 Kapiteln wer­den die eige­nar­tig­sten Typen aufs Korn genom­men: „Der alte Hase“, der sich mit seinen immer wieder erzählten Anek­doten und nicht primär mit seinen erwor­be­nen Fähigkeit­en in Szene set­zt; „Der Nör­gler“, der die Kun­st der „Motz-art“ beherrscht; das in die Jahre gekommene, an seinem Stuhl und sein­er Posi­tion klebende „Grün­dungsmit­glied“, das aber als „leben­des Real­sym­bol unser­er eige­nen Ver­gan­gen­heit – und Zukun­ft“ zu behan­deln ist und nicht als „rück­sicht­s­los aus­tauschbares Men­schen­ma­te­r­i­al“. Die mit beson­deren musikalis­chen Fähigkeit­en aus­ges­tat­teten Kol­le­gen kom­men um Seit­en­hiebe auch nicht umhin, wie „Der Klangäs­thet“, „Der Per­fek­tion­ist“ und „Der Vom-Blatt-Spiel­er“, der sich nicht der Sklaverei des Profis des „Immer-wieder-und-jedes­mal-bess­er-machen-Müssens“ unter­w­er­fen will, son­dern weiß: „Entwed­er es klappt sofort oder nie.“ Beson­ders amüsant ist das Kapi­tel über die „Blech­bläs­er“, in dem aus der griechis­chen Mytholo­gie der Wettstre­it zwis­chen Apol­lon, dem „Sait­en-Gott“, und dem Aulos blasenden Marsyas, dem „Bläs­er-Gro­bian“, bemüht wird. Kri­tisch beäugt wird die Rolle des „Ein­wech­sel­spiel­ers“, eines Musik­ers, der häu­fig vom Diri­gen­ten für die schwieri­gen Soli mit­ge­bracht wird. Schließlich gebührt auch dem „Imper­a­tor min­i­max­imus hor­do dilet­tan­to­rum“, sprich: dem Diri­gen­ten, ein eigenes Kapi­tel.
Die Kleine Typolo­gie der Laien­musik­er ist eine bis an die Gren­zen der Karikatur reichende Beschrei­bung dieser unverzicht­baren Spezies des Musik­lebens, die vom Autor psy­chol­o­gisch durch­leuchtet wird. Mit seinem Wortwitz, eige­nen Wortschöp­fun­gen und vielfälti­gen hin­ter­sin­ni­gen Anspielun­gen beschert er dem Leser – auch dem Profi – eine geistvoll-amüsante Lek­türe, hin­ter der sich auch ein Spiegel­bild unser­er Gesellschaft zeigt.
Ein beson­deres Lob hat der Ver­lag der Kun­sta­gen­tur Dres­den für die grafis­che Gestal­tung des Buchs mit Ini­tialen in mod­ern­er Typografie ver­di­ent.
Herib­ert Haase