Gabriel Fauré

Klaviertrio d-Moll

op. 120, hg. von Fabian Kolb, Fingersatz der Klavierstimme von Klaus Schilde, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Henle
erschienen in: das Orchester 06/2018 , Seite 64

Wie gut, dass man den meis­ten Werken ihre Entste­hung­sum­stände nicht anhört, dass Akko­rde und Melodielin­ien kaum je etwas über die Mühen der Kom­po­si­tion, den Kampf um Inspi­ra­tion und die richtige Form ver­rat­en. Zum Glück ist beim Hören der Musik nicht zu erken­nen, ob das Stück in einem kurzen Schaf­fen­srausch ent­standen oder in vie­len Tagen und Monat­en der Erfahrung zahlre­ich­er Musik­er­jahre abgetrotzt wurde.
Gabriel Fau­ré, das unbe­strit­te­nen Zen­trum der klas­sis­chen franzö­sis­chen Kam­mer­musik, vere­int in seinem Werkkat­a­log viele Komposi­tionen, die unakademisch frisch und doch zugle­ich durch­dacht kon­stru­iert erscheinen; Stücke, deren Melo­di­en schein­bar frei fließen und doch ein­er wohlge­set­zten musikalis­chen Architek­tur gehorchen.
Frische Inspi­ra­tion und eine makel­lose Tech­nik strahlt auch das Klavier­trio op. 120 aus, das gle­ich­wohl nicht ohne große Anstren­gung ent­standen zu sein scheint und Ta­ge, wenn nicht Wochen ohne kom­pos­i­torischen Fortschritt gese­hen hat. Als sein vor­let­ztes Werk mögen die drei Sätze ein­er großen Kraftanstren­gung entstam­men – anhören hinge­gen kann man Fau­rés Trio nichts von alle­dem. Wie seine gesamte Kam­mer­musik zuvor ist hier alles von größter Ele­ganz, Leichtigkeit, Makel­losigkeit und Präg­nanz geprägt.
Nur jew­eils ein oder zwei Werke hat Gabriel Fau­ré einzel­nen Gat­tun­gen oder Beset­zun­gen gewid­met, und inter­es­san­ter­weise ist dieses späte Klavier­trio auch gle­ichzeit­ig sein erster Beitrag für diese klas­sis­che Kam­mer­musik­for­ma­tion. Als ein Alter­swerk ver­mag es noch ein­mal, das beein­druck­ende Gestal­ten Fau­rés mit Melodielin­ien und feinen instru­men­tal­en Kon­trasten aufzuzeigen. Vir­tu­os­er Wettstre­it der Instru­mente oder andere auf äußere Wirkung bedachte Effek­te fehlen völ­lig. Das d-Moll-Trio weist hin­sichtlich der tech­nis­chen Anforderun­gen eine ger­adezu verblüf­fende Selb­st­beschränkung auf, die die gesamte Aufmerk­samkeit auf das gemein­same „Sin­gen“ der drei Instru­mente fokussiert.
Ganz sich­er ist es kein Zufall, dass Gabriel Fau­ré zu Beginn des Kom­po­si­tion­sprozess­es wohl daran gedacht hat­te, eine Klar­inette statt der dann gewählten Vio­line einzuset­zen. Die fein geschwun­genen Lin­ien der Diskantstimme in allen drei Sätze hät­ten einem Blasin­stru­ment per­fekt entsprochen. Und doch find­et dieses for­mvol­len­dete Werk dann zu ein­er der zen­tral­sten Beset­zun­gen, die in den zwei­hun­dert Jahren vor der Entste­hung dieses Opus 120 eine beein­druck­ende Spur in der Musikgeschichte hin­ter­lassen hat. Fau­ré ist sich dieses Erbes ganz sich­er bewusst, seinem Stück hinge­gen hört man das – zum Glück – nicht an.
Daniel Knödler