Smutny, Daniel

Klaviersonate/Symphonie/Divertimento di „Ferne Nähe“/Streichquartett/Velouria (II)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo WER 6586 2
erschienen in: das Orchester 05/2013 , Seite 78

Das Book­let erge­ht sich in wohlfor­mulierten Deu­tungsver­suchen, Beziehun­gen und Gegen­läu­figes wer­den pointiert in Worte gefasst. Doch Smut­nys Musik spricht für sich und kön­nte fast ohne beglei­t­ende Worte geliefert wer­den.
Hat man die Kom­po­si­tion­s­jahre 2005 bis 2012 vor Augen und betra­chtet das etwas intro­vertiert wirk­ende, schwarz-weiß fotografierte Porträt Smut­nys, dann klingt die Klavier­son­ate (2011), mit der diese CD begin­nt, über­raschend. Über­raschend emo­tion­al, spätro­man­tisch in Expres­siv­ität und Länge der musikalis­chen Bögen, in Har­monik und Form. Sie steckt voller wun­der­bar­er Ein­fälle – aber zeugt auch von vir­tu­osem Umgang mit erprobten Effek­ten. Neue Musik, die ohne jedes exper­i­mentelle Suchen auskommt und in keine Schublade passt, von Christo­pher Hin­ter­hu­ber her­vor­ra­gend inter­pretiert.
Smut­nys erste Sym­phonie (2012) ist ein­sätzig und stellt zu Beginn kurze expres­sive Kan­tile­nen gegeneinan­der. Ein Spiel mit Klang­far­ben, voller Über­raschun­gen. So wird der langsame Beginn von herzhaft hinein­sä­gen­den hohen Stre­ich­ern unter­brochen, der sin­fonis­che Wohlk­lang ist längst ohne­hin einem düsteren Dräuen gewichen – und doch blitzt immer wieder ein har­monis­ch­er Son­nen­strahl durch. Das MDR Sin­fonieorch­ester Leipzig unter Torodd Wigum kostet diese Expres­sion­al­ität aus, gefällt mit großem kul­tivierten Klang und ver­di­ent gute Laut­sprech­er, damit man die vollen Sounds recht genießen kann. Bis zum Ende bleibt es ziem­lich ges­pan­nt.
Das Diver­ti­men­to di Ferne Nähe (2011) beschreibt Smut­ny im Book­let selb­st: „Ferne Nähe ist eine Detail- und Ver­suchsstudie über die zwis­chen­men­schlichen Ver­hal­tensweisen in ein­er nach Per­fek­tion und Max­imierung streben­den Welt.“ Das mag man zwar nicht unbe­d­ingt sofort her­aushören, doch gefällt die an ein Kam­merorch­ester erin­nernde Oktet­tbe­set­zung (Ensem­ble Courage) mit ihren frischen, selb­st­be­wussten Stre­ich­ern und den vir­tu­osen Bläsern sehr, und die vie­len Brüche und Mod­u­la­tio­nen, wieder ein­mal zum kom­pos­i­torischen Prinzip erhoben, ergeben ein faszinieren­des Gesamtwerk. Es erin­nert streck­en­weise überdeut­lich an bere­its Bekan­ntes und ist trotz­dem ein extrem hörenswertes Orig­i­nal.
Das Stre­ichquar­tett (2009) ist vier­sätzig angelegt und, wie alles auf dieser CD, erstk­las­sig einge­spielt. Kon­traste und Brüche und nach außen gerichtetes Empfind­en in anscheinend strenger Form machen deut­lich, warum Smut­ny unter der mön­chisch schlicht­en Frisur und dem fast noch jun­gen­haften Gesicht let­z­tendlich doch ver­schmitzt lächelt. Ein abwech­slungsre­ich­es, gut gelun­ge­nes weit­eres Werk, mit her­rlichem Ende nach ras­an­tem Galopp.
Velouria (II) von 2005 ist für Vokalensem­ble a cap­pel­la kom­poniert und Smut­ny zeigt, dass er auch Stim­men erstk­las­sig set­zen kann. Hölder­lins Geh unter, schöne Sonne liegt hier zugrunde, mit viel har­monis­chem Feinsinn spürt Smut­ny dem Textge­halt nach. Das SWR Vokalensem­ble Stuttgart hat hör­bar Freude daran, intoniert sauber und geizt nicht mit Klang.
Heike Eickhoff