Johannes Brahms

Klavierquintett in f op. 34

Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter
erschienen in: das Orchester 11/2018 , Seite 63

Brahms’ Klavierquin­tett stellt auf­grund sein­er ver­wick­el­ten Entste­hungs­geschichte und der damit ver­bun­de­nen unüber­sichtlichen Quel­len­si­t­u­a­tion jede Note­naus­gabe vor erhe­bliche edi­torische Her­aus­forderun­gen. Der Her­aus­ge­ber der Neuaus­gabe im Bären­re­it­er-Ver­lag, Daniel F. Boomhow­er, tut deshalb gut daran, als Ergänzung zum Kri­tis­chen Bericht dem Noten­teil eine aus­führliche Ein­leitung – dankenswert­er­weise auf Englisch und auf Deutsch abge­druckt – voranzustellen.
Diese bringt eine kom­pak­te und gut nachvol­lziehbare Darstel­lung der sich über mehrere Jahre aus­dehnen­den Entste­hungs­geschichte des Quin­tetts von der ursprünglichen, nicht mehr erhal­te­nen Fas­sung als Stre­ichquin­tett über die Fas­sung als Sonate für zwei Klaviere bis hin zur endgülti­gen Klavierquin­tettfassung. Damit ein­her geht die Beschrei­bung der für die Neuaus­gabe ver­wen­de­ten Quellen.
Boomhow­er stellt seine Edi­tion auf eine bre­ite Quel­len­ba­sis, die auch die Über­liefer­ung zur zweiklavieri­gen Sonaten­fas­sung (einige Jahre nach dem Klavierquin­tett als op. 34b veröf­fentlicht) ein­bezieht. Er hat sich dafür entsch­ieden, die auto­grafen Quellen des Klavierquin­tetts stärk­er zu gewicht­en als die späteren, also den Erst­druck und die Brahms’schen Kor­rek­turen der Druck­fah­nen, denn „hier fand näm­lich die inten­sive und detail­lierte Auseinan­der­set­zung mit der Kom­po­si­tion statt. Zu dem Zeit­punkt, als Brahms die Druck­fah­nen durch­sah, erre­ichte seine Arbeitsweise diese Inten­sität nicht mehr; dies bet­rifft ins­beson­dere die dort mit weniger Sorgfalt behan­del­ten Aus­führungsan­weisun­gen wie die Platzierung von Crescen­do- und Decrescen­do-Angaben […].“ Diese Entschei­dung set­zt sich bewusst, so räumt Boomhow­er ein, „der Kri­tik der Über­be­w­er­tung des Auto­graphs“ gegenüber den Lesarten let­zter Hand, also des von Brahms durchko­r­rigierten Erst­drucks, aus.
An mehreren Beispie­len erläutert Boomhow­er fern­er Artiku­la­tions­d­if­feren­zen in den Instru­menten untere­inan­der. Diese löst er, indem zusät­zlich zu den orig­i­nalen Bögen gestrichelte Bögen aus Par­al­lel­stim­men oder -stellen geset­zt wer­den, sodass zwei Artiku­la­tionsvari­anten zugle­ich im Noten­text sicht­bar sind. Nutzer der Aus­gabe wer­den dadurch nach­drück­lich aufge­fordert, sich vor inter­pre­ta­torischen Entschei­dun­gen mit den unter­schiedlichen Lesarten zu befassen.
Das Noten­bild der im bären­re­it­er-typ­is­chen Groß­for­mat gedruck­ten Aus­gabe ist über­sichtlich und klar und erfüllt alle Maßstäbe eines hoch­pro­fes­sionellen Noten­satzes. Auf Fin­ger­sätze wird verzichtet; wer auf solche Wert legt, sollte auf andere Aus­gaben auswe­ichen. Als Note­naus­gabe für die Prax­is auf bre­it­er Quel­len­ba­sis ist die vor­liegende Neuaus­gabe, auch wenn die oben ange­sproch­ene edi­torische Prämisse nicht über­all Beifall find­en wird, eine zuver­läs­sige und erwä­genswerte Alter­na­tive zur Hen­le-Aus­gabe, die ihrer­seits dem Text der neuen Brahms-Gesam­taus­gabe fol­gt.
Chris­t­ian Ubber