Kurt Leimer

3. Klavierkonzert (linke Hand) Richard Strauss/ Panathenäenzug op. 74

Gilles Vonsattel (Klavier), Berner Symphonieorchester, Ltg. Mario Venzago

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Schweizer Fonogramm
erschienen in: das Orchester 04/2022 , Seite 75

Der in Wien geborene Pianist Paul Wittgen­stein (1887–1961) hat durch unglück­liche, ja furcht­bare Umstände den Anstoß zu einem ganz eige­nen Genre von Klavierkom­po­si­tio­nen gegeben: Nach hoff­nungsvollem Beginn sein­er Kar­riere ver­lor er an der Ost­front im Ersten Weltkrieg den recht­en Arm, wollte sich danach aber nicht aus dem Konzertleben zurückziehen. So begann er, Etü­den und beste­hende Werke für die Aus­führung allein durch die linke Hand zu bear­beit­en und gab neue Stücke bei zeit­genös­sis­chen Kom­pon­is­ten in Auf­trag. Vor allem das Konz­ert D‑Dur von Mau­rice Rav­el erlangte Berühmtheit, doch find­et man müh­e­los über 30 Kom­po­si­tio­nen aus dem frühen und mit­tleren 20. Jahrhun­dert, die für die linke Hand geschrieben sind.
Dazu zählen auch die zwei Werke von Richard Strauss und Kurt Leimer auf der vor­liegen­den CD. Strauss wurde zu seinem kaum gespiel­ten Vari­a­tion­szyk­lus Pana­thenäen­zug op. 74 eben­falls durch die Bekan­ntschaft mit Paul Wittgen­stein angeregt, der das Werk 1928 mit den Berlin­er Phil­har­monikern unter Leitung von Bruno Wal­ter urauf­führte, danach aber nicht in sein Reper­toire auf­nahm. Später stellte sich der junge Pianist Kurt Leimer (1920–1974) dem Kom­pon­is­ten vor und spielte das Werk offen­bar so überzeu­gend, dass Strauss es ihm zur alleini­gen Auf­führung über­ließ, inklu­sive der Erlaub­nis, einige Bear­beitun­gen vorzunehmen.
Über Richard Strauss’ wenige Klavier­w­erke ist viel geschrieben und auch gespot­tet wor­den. Ver­teufelt schw­er seien sie und blieben zugle­ich kom­pos­i­torisch hin­ter der Qual­ität viel­er ander­er Werke zurück. Während man die frühe Burleske von 1890 tat­säch­lich etwas jugendlich über­dreht find­en kann, sind abw­er­tende Urteile beim Pana­thenäen­zug unange­bracht. Die fan­tasievollen Vari­a­tio­nen über eine acht­tak­tige Basslin­ie sind in ihrer Form strenger als die meis­ten anderen Kom­po­si­tio­nen von Strauss, doch vor allem die blühende Natur­malerei in der Werk­mitte, die an die Alpensin­fonie erin­nert, ist ein­fach herrlich.
Trotz der gerin­gen Pop­u­lar­ität des Pana­thenäen­zugs gibt es davon mehrere Auf­nah­men, darunter auch die sehr ordentliche mit Anna Gourari und den Bam­berg­er Sym­phonikern aus dem Jahr 1999. Die aktuelle Ein­spielung mit Gilles Von­sat­tel und dem Bern­er Sym­phonieorch­ester unter Leitung von Mario Ven­za­go ist ihr eben­bür­tig, wobei der Klavier­part bess­er präsent ist.
Die Klangqual­ität ist ein deut­lich­es Plus auch bei der Ein­spielung des zweit­en Werks dieser CD, des 3. Klavierkonz­ertes von Kurt Leimer, das mit der Orig­i­nalein­spielung des Kom­pon­is­ten mit den Berlin­er Phil­har­monikern unter Her­bert von Kara­jan aus dem Jahr 1968 konkur­ri­eren muss. Es ist ein for­mal schw­er fass­bares Werk, stilis­tisch zwis­chen Impres­sion­is­mus, Spätro-man­tik, Jazz und manch weit­eren Ein­flüssen changierend.
Offen­bar sahen auch die Erben Kurt Leimers und die Kurt Leimer Stiftung den Bedarf ein­er Neuein­spielung und unter­stützten die Auf­nahme. Diese schließt zwar keine Reper­toirelücke, bere­ichert aber die Diskografie.
Johannes Killyen