Ignacy Jan Paderewski - Frédéric Chopin

Klavierkonzert in a-Moll op. 17 — Klavierkonzert in e-Moll op. 11

Claire Huangci (Klavier), Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, Ltg. Shiyeon Sung

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berlin Classics
erschienen in: das Orchester 12/2019 , Seite 66

Mit dem Klavierkonz­ert des Polen Ignazy Jan Paderews­ki ist es eine Krux. Auf CDs ist es rel­a­tiv gut doku­men­tiert, während es im Musik­leben fast überhaupt keine Rolle spielt. Zu den für eine Rarität rel­a­tiv vie­len Auf­nah­men kommt jet­zt noch eine weit­ere gute hinzu. Sie stammt von der jun­gen amerikanis­chen Pianistin Claire Huang­ci, die 2018 den Con­cours Géza Anda in Zürich gewann. Sie ist eine her­vor­ra­gende Künstlerin mit enormem tech­nis­chen Rüstzeug, fein-per­len­den Läufen und musikalis­ch­er Sensibilität.
Das wirkungsvoll für das Klavier kom­ponierte und gut instru­men­tierte Werk inter­pretiert sie mit der südkoreanischen Diri­gentin Shiyeon Sung am Pult der Deutschen Radio Phil­har­monie Saarbrücken Kaiser­slautern. Diese Ein­spielung macht Freude, da auch die vie­len von Paderews­ki der Par­ti­tur einge­bun­de­nen Soli für die erste Vio­line oder Holzbläser run­dum gelun­gen sind. Auch verströmt die Musik im zweit­en langsamen Satz (der zauber­haften „Romanze“) einen großen Atem mit ger­adezu blühenden Momenten.
Wieso das 1888 vol­len­dete Werk fast nie live gespielt wird, ist nicht erklärbar. Es bringt alles mit, was ein großes roman­tis­ches Klavierkonz­ert aus­macht und ist darüber hin­aus sehr dankbar für das Orch­ester.
Als Her­aus­ge­ber und Inter­pret der Werke seines Lands­man­ns Frédéric Chopin wurde Paderews­ki bekan­nt. Daher ist die Kom­bi­na­tion mit Chopins e-Moll-Klavierkonz­ert
op. 11 natürlich schlüssig. Sin­nvoller wäre allerd­ings die Kop­pelung mit Paderewskis Fan­tasie polon­aise sur des thèmes orig­in­aux für Klavier und Orch­ester gewe­sen – wie es 1971 der US-amerikanis­che Pianist und Paderews­ki-Ent­deck­er Earl Wild auf ein­er berühmten LP gemacht hat.
Doch man will diese von Berlin Clas­sics pro­duzierte Sil­ber­scheibe natürlich auch verkaufen. Und da zieht Chopin mehr als Paderews­ki. Ger­ade beim Chopin-Konz­ert ist die Konkur­renz so her­vor­ra­gend, dass Claire Huang­ci hier gegen die von Arrau, Rubin­stein, Polli­ni, Kissin, Zim­mer­man und vie­len, vie­len anderen aufgestell­ten Windmühlen kämpft.
Immer­hin: Ihre Inter­pre­ta­tion ist gelun­gen und souverän, auch mal poet­isch, die Rubati sind nie zerdehnt (Höhepunkt ist auch hier der langsame Satz). Ander­er­seits: Viel in den Ecksätzen wirkt allzu rou­tiniert – saust an den Ohren ohne großen Aha-Effekt vor­bei.
Langfristig dürfte diese auf CD fix­ierte Lesart beson­ders ihre Fans und Fre­unde der Deutschen Radio Phil­har­monie Saarbrücken Kaiser­slautern begeis­tern. Eine reine Paderews­ki-CD – vielle­icht mit weit­eren Solo-Klavier­w­erken oder der erwähnten Fan­tasie für Klavier und Orch­ester – wäre edi­torisch lohnen­der gewe­sen. So entste­ht eine Auf­nahme, die wieder mal einen Kom­pro­miss einge­ht und nicht gänzlich durch­dacht scheint.
Matthias Corvin