Berthold Seliger

Klassikkampf

Ernste Musik, Bildung und Kultur für alle

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Matthes&Seitz
erschienen in: das Orchester 05/2018 , Seite 63

Der ver­führerische Titel Klas­sikkampf. Ern­ste Musik, Bil­dung und Kul­tur für alle der neuen Pub­lika­tion von Berthold Seliger verf­ing auch bei mir, zumal sie sich als zukun­ft­szuge­wandt wie auch auf Alt-68er-Erken­nt­nis­sen basierend präsen­tierte. Und aktuelle Eye­catch­er für kri­tis­che Musikken­ner gibt es oben­drein: Es geht um das Höh­len­gle­ich­nis, Steuerspar­mod­elle, um Über­al­terung, Marken­bil­dung, Ver­mark­tungspoten­zial, um „Pegi­da im Konz­ert­saal“, um Pop­klas­sik als Antwort auf Sinnsuche, um Geheim­codes, um Even­tkul­tur, um ästhetis­chen Ter­ror­is­mus, um das Poli­tis­che in der Musik, um die GEMA, um Neolib­er­al­is­mus, um Wis­sen, das in ökonomis­che Werte umgemünzt wird, um ide­ol­o­gis­che Net­ze, Flucht aus dem Arbeit­er­m­i­lieu, um duale Bil­dung, um Human­i­tas, auch um Musik und die Spuren des Poli­tis­chen in der Musik. Es geht nicht um Gen­deraspek­te, Interkul­tur­al­ität und „Me too“.
Der offenkundig viel­be­le­sene, sehr schnell durch die Musik­sekundär­lit­er­atur eilende Konz­er­tun­ternehmer Berthold Seliger präsen­tiert als „Rosi­nen­pick­er“ die von ihm goutierten Stellen; manch­mal in lexikon­mäßiger Aufzäh­lung, manch­mal als stolz­er Aus­gräber viel­er (eher bekan­nter) Texte und viel­er Quellen, die let­ztlich doch zusam­men­schrumpfen haupt­säch­lich auf Autoren wie Theodor W. Adorno, Helms, Met­zger, Kne­pler, Fred­er­ic Sczews­ki, Ger­ha­her, Schle­un­ing oder Gul­da, aufge­frischt durch hier einen Satz von Eri­bon, dort durch Ver­weise auf Schiller, Kon­fuz­ius und Max Weber. Gewürzt wird das Kon­glom­er­at durch Zeitungsar­tikel und Kün­stler­mem­oiren, fleißig gesam­melt in dig­i­tal­en Zettelkästen. Es lässt den Leser manch­mal angeregt, öfters jedoch frus­tri­ert zurück, denn die Bil­dung sug­gerierende Fülle verdeckt ana­lytis­che Struk­turen (bzw. deren Fehlen). Seliger nippt geschmäck­lerisch an ver­meintlich Exquis­item, aber damit auch klar deklar­i­erend, wer und was die Elite aus­macht. Daran lässt er ab und zu seine Leser teil­haben, indem er YouTube-Links angibt. Diese Möglichkeit, abgele­gene Beson­der­heit­en ken­nen­zuler­nen, macht einen beträchtlichen Anteil dessen aus, was den Leser dazu bringt, dieses Buch doch nicht wegzule­gen.
Eben­so ein Gewinn sind manche aufge­wor­fe­nen Fra­gen wie die nach dem vom Kom­pon­is­ten gemein­ten und vom Inter­pre­ten dargestell­ten Werk und die Frage nach dem „Eigentlichen“, nach dem Wider­spruch und den Abwe­ichun­gen zwis­chen dem vom Kom­pon­is­ten gewoll­ten und fest­ge­hal­te­nen Text und der Inter­pre­ta­tion, die das Werk ja erst zum Leben bringt.
Den­noch wiegen sie die Ten­denz zur Ober­fläch­lichkeit des tief­gründig daherk­om­menden Buchs nicht auf. Seliger hat­te sich Großes vorgenom­men; er wollte sowohl das gesamte Musik­leben wie auch den Werkekanon hin­ter­fra­gen und diesen nach Möglichkeit erschüt­tern; wirft Fra­gen auf zu Mark­tver­hält­nis­sen, zu ein­er Neufestle­gung der Def­i­n­i­tio­nen von U- und E-Musik, zu „eigen­er“ und „fremder“ Kul­tur (und, ahnungs­los, nach Bil­dung). Vorder­gründig so ken­nt­nis­re­ich, ist Seligers größter Man­gel das Defiz­it an eigen­er und neuer Erken­nt­nis.
Dorothea Kol­land