Zintl, Thomas

Klassik und Kalter Krieg

Musiker in der DDR. Ein Film von Thomas Zintl

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Arthaus Musik 101793
erschienen in: das Orchester 02/2016 , Seite 77

Auf dem Gebi­et der Klas­sik war die DDR ihrem west­deutschen Pen­dant eben­bür­tig. Wie es dem Arbeit­er- und Bauern­staat gelang, musikalis­ches Welt­niveau zu erre­ichen, beleuchtet Thomas Zintls DVD-Doku­men­ta­tion Klas­sik und Kalter Krieg. Der 50-minütige Film begin­nt mit den ersten Nachkriegswochen im zer­bombten Berlin. Niko­lai Bersarin, der sow­jetis­che Stadtkom­man­dant, räumt der Kul­tur beim Wieder­auf­bau einen hohen Stel­len­wert ein. „Erstaunlich, dass in dieser Trüm­mer­wüste die The­ater sofort da waren“, erin­nert sich der Kom­pon­ist Siegfried Matthus, der im Film als Zeitzeuge auftritt – neben Kün­stlern wie Peter Schreier, Kurt Masur oder Jochen Kowal­s­ki; zudem kom­men einige dama­lige Poli­tik­er zu Wort. Ost und West wet­teifer­ten im Wieder­auf­bau von Opern­häusern und Konz­ert­sälen. Die Vorstel­lun­gen der zer­störten Lin­denop­er fan­den im Admi­ralspalast statt. Wenige hun­dert Meter weit­er stellte Wal­ter Felsen­stein an der Komis­chen Oper die Weichen für ein mod­ernes Regietheater.
Die Sit­u­a­tion änderte sich 1949 mit der Staats­grün­dung der DDR.
Min­is­ter­präsi­dent Otto Grote­wohl gab die Lin­ie vor: „Die Idee der Kun­st muss der Marschrich­tung des poli­tis­chen Kampfes fol­gen.“ Damit ein­her ging ander­er­seits die Maxime, stark sub­ven­tion­ierte Opern- und Konz­ertkarten für jed­er­mann anzu­bi­eten. Zintls dif­feren­ziert­er Film ent­deckt sog­ar pos­i­tive Fol­gen des Mauer­baus: Die Schließung der Gren­zen ver­half etlichen Kün­stlern zum Kar­ri­ere­sprung, deren Kol­le­gen im Som­mer 1961 nicht von ihren Tourneen oder aus ihrer West­ber­lin­er Heimat zurück­kehrten. Also kamen neue Kräfte aus Dres­den, Weimar oder Leipzig zum Zuge. So erzählt Peter Schreier, dass der Mauer­bau ihm ermöglichte, an die Berlin­er Staat­sop­er zu wech­seln. Auch die Schallplat­tenin­dus­trie prof­i­tierte von der Abgren­zung. Das DDR-Klas­sik­la­bel Eter­na holte Devisen ins Land, indem es mit west­deutschen Labels nach der Formel kooperierte: west­liche Solis­ten und Diri­gen­ten plus (preiswerte) ost­deutsche Orch­ester und Chöre.
Kün­stler mit Tal­ent und gefes­tigter Gesin­nung durften im west­lichen Aus­land auftreten. Die Entschei­dung darüber wurde von der Kün­stler­a­gen­tur der DDR getrof­fen, die dem Kul­tur­min­is­teri­um angegliedert war. Der Kün­stler erhielt nur einen kleinen Teil seines Hon­o­rars in „West­geld“; den Rest strich der Staat ein.
Zintls Film, der sich moralis­ch­er Wer­tun­gen enthält, beleuchtet eine vier Jahrzehnte andauernde Zer­reißprobe: Die Klas­sik soll Glanz nach außen ver­bre­it­en und wird zugle­ich innen, mit großem Aufwand an Stasi-Per­son­al, eng­maschig kon­trol­liert. Den hohen Stel­len­wert der Klas­sik behält die DDR bis zum Ende bei: Noch in den 1980er Jahren leis­tet sich der längst bankrotte Staat Pres­tige­pro­jek­te wie das Neue Gewand­haus und den Wieder­auf­bau der Sem­per­op­er. Bis heute hält die DDR den Reko­rd des Lan­des mit der größten Orch­es­ter­dichte der Welt.
Zintls span­nen­dem und aus­ge­wo­gen­em Film kön­nte man allen­falls vor­w­er­fen, zu kurz zu sein. Die Schnitte zwis­chen his­torischen Bild- und Tonauf­nah­men sowie Zeitzeu­ge­naus­sagen fol­gen Schlag auf Schlag. Das inter­es­sante Mate­r­i­al würde dur­chaus einen 90-Minüter tragen.
Antje Rößler