Crusell, Bernhard Henrik

Klarinettenkonzert f-Moll

opus 5, hg. von Nicolai Pfeffer, Klavierauszug von Johannes Umbreit

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Henle, München 2015
erschienen in: das Orchester 11/2015 , Seite 74

Die Gat­tungs­geschichte des klas­sis­chen Klar­inet­tenkonz­erts ist reich­haltiger, als es die über­stra­pazierte All­ge­gen­wart von Mozarts Klar­inet­tenkonz­ert KV 622 ver­muten lässt. Neben eini­gen für die Klar­inette schreiben­den Kom­pon­is­ten wie z. B. Franz Krom­mer gibt es eine Vielzahl von Klar­inet­tis­ten, die sich ihre eige­nen Konz­erte auf den Leib geschrieben haben. Aber nicht alle erre­ichen dabei eine überzeu­gende gestal­ter­ische Qual­ität über den Solopart hin­aus. Diese gelingt jedoch dem schwedis­chen Klar­inet­tis­ten Bern­hard Hen­rik Crusell (1775–1838) in seinen drei Konz­erten und ein­er Rei­he von Kam­mer­musik­w­erken.
Crusells Musik ste­ht stilis­tisch Beethoven nahe. In seinem als Grand Con­cer­to beze­ich­neten, hier vor­liegen­den zweit­en Konz­ert, das ver­mut­lich 1815 ent­standen ist, nutzt er die motivisch-the­ma­tis­che Arbeit, um das Orch­ester zu einem gewichti­gen Part­ner des Solis­ten zu machen. Diesen lässt Crusell zwar vir­tu­os bril­lieren, aber er hält ihn so im Zaum, dass die musikalis­che Aus­sage nicht zu kurz kommt. Beson­dere Beach­tung find­en das Chalumeau-Reg­is­ter und die dynamis­chen Beson­der­heit­en der Klar­inette, die im langsamen Satz mit Echo-Stellen aus­gekostet wer­den.
Jost Michaels (1922–2004) hat­te das Konz­ert anfangs der 1960er Jahre wieder­ent­deckt und bei Siko­rs­ki veröf­fentlicht. Jet­zt legt der Hen­le-Ver­lag das Konz­ert als Urtext vor, her­aus­gegeben von dem Klar­inet­tis­ten Nico­lai Pfef­fer. Nicht immer ist die Quel­len­lage so ein­fach und über­sichtlich wie bei Crusells Opus 5: Als einzige Quelle kann nur die Erstaus­gabe ver­wen­det wer­den, da wed­er die orig­i­nale Par­ti­tur noch die Stim­menab­schriften erhal­ten sind. Die Erstaus­gabe in Stim­men ist 1817 bei Peters in Leipzig erschienen. Der Klavier­auszug wurde auf diesem Mate­r­i­al basierend von Johannes Umbre­it erstellt.
Ein­griffe des Her­aus­ge­bers waren nur erforder­lich, wo der Noten­text durch Fehler oder Unge­nauigkeit­en des Noten­stech­ers nicht ein­deutig ist. Es wer­den ver­schiedentlich fehlende Artiku­la­tion­sze­ichen und unklare Crescen­do- oder Akzen­tk­lam­mern ange­merkt. Dabei ver­fährt der Her­aus­ge­ber nicht immer ganz kon­se­quent, wenn er ein­mal die Artiku­la­tion als Her­aus­ge­berzusatz kennze­ich­net und ergänzt, im übernäch­sten Takt aber darauf verzichtet (siehe 3. Satz T. 228 und 230; ähn­lich 1. Satz T. 131, dessen Oktavierung Rückschlüsse auf die fehlende Artiku­la­tion in T. 130 zulässt). Auf­fäl­lig ist, dass in der Erstaus­gabe im let­zten Satz die Unge­nauigkeit­en zunehmen. Es fehlt häu­figer die son­st sehr genau beachtete Artiku­la­tion, und plöt­zlich treten neben Stac­ca­to-Punk­ten auch Keile auf. Vielle­icht hat Crusell wegen der schnellen Abreise des Briefträgers mit der Ver­lagspost die Stim­men nicht mehr ganz genau beze­ich­nen kön­nen oder es waren ver­schiedene Noten­stech­er am Werk……
Diese kleinen edi­torischen Prob­leme beein­trächti­gen aber wed­er die Qual­ität des Werks noch die der Urtext-Aus­gabe.
Herib­ert Haase