Wackerbarth, Horst / Tilman Spengler

Klangkörper

Runfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Edition Braus, Heidelberg 2005
erschienen in: das Orchester 06/2006 , Seite 74

Musik, die Kör­per­lose, ver­dankt ihr Dasein nicht nur dem schöpferischen Inge­ni­um, son­dern auch einem nach­schaf­fend­en, oft viel­stim­mi­gen Klangkör­p­er, der ihr erst das Leben ein­haucht, einzupft, ein­stre­icht, ein­trom­melt. Dabei beste­ht in der Regel ein Wider­spruch zwis­chen der Nähe der Klänge, die den Hör­er wohlig umgeben, und der kühlen Dis­tanz zu den Schwarzbe­frack­ten auf dem Podi­um.
Solchen Wider­spruch ein­mal wenig­stens virtuell aufzuheben, ist die Inten­tion des vor­liegen­den Ban­des. In ihm wird Musik unaus­ge­sprochen definiert als Botschaft von Men­schen für Men­schen, ver­mit­telt durch Men­schen. Um diese Boten geht es den Autoren, die sich einen in der Fach­welt bestens beleumde­ten Klangkör­p­er des öffentlich-rechtlichen Rund­funks als Cor­pus Delic­ti aus­ge­sucht haben. Die Wahl war ein einziger Glücks­fall.
Auf dem schmalen Grat zwis­chen Seren­i­tas und Seriosi­tas lustvoll, aber auch nach­den­klich bal­ancierend, bre­it­en die Saar­brück­er eine Augen­wei­de aus, die in vier Sätzen (mit Ouvertüre) der Vorstel­lung ein­er Musi­ca humana einen neuen, tiefen Sinn gibt. Einger­ahmt von drei groß­for­mati­gen Grup­pen­fo­tos (deren bei­de let­zte das konz­ertierende Orch­ester mit Adam bzw. Eva als Diri­gen­ten bzw. Diri­gentin in bib­lis­ch­er Klei­derord­nung vorstellen), ist der Band ein Beken­nt­nis zur Musik als ein­er fes­tlichen Sache, und das heißt auch zum Frack. Dazwis­chen aber geht die Post ab. Im 1. Satz des ganz sin­fonisch disponierten Arrange­ments der Bilder ent­fal­ten sich große Augen­blicke des Reper­toires von Wag­n­er bis Hin­demith vor einem eben­so real­is­tis­chen wie sur­realen Hin­ter­grund. Da gibt es eine nack­te Schöne auf dem Trock­e­nen eines aus­ge­di­en­ten Schwimm­beck­ens, befrack­te Bläs­er auf ein­er Aschen­bahn, über die ger­ade ein Geis­ter­läufer seine falschen Kur­ven dreht. Zwei Anhal­terin­nen zwis­chen Chur und Wal­len­stadt fiedeln Straw­in­sky, in einem Schlachthaus demon­stri­ert die schöne Halb­schwest­er von Hillary Clin­ton die Vergänglichkeit allen Fleis­ches – Brahms einge­denk. Auf Seite 13 ist die Wiederge­burt der Venus aus dem Cel­lokas­ten zu erleben, auf den Seit­en 44/45 das Stre­icherkollek­tiv mit Samuel Bar­bers Ada­gio auf dem Weg nach Innen.
Der 2. Satz fängt in ein­er faszinieren­den Foto­se­quenz Augen­blicke ein, „die ihren Rhyth­mus find­en“: Klänge wer­den sicht­bar, Natur ver­schwis­tert sich paradiesisch friedlich mit der Tech­nik. Der men­schlich­ste, der 3. Satz gibt den Blick frei auf ein anrühren­des Baby­fo­to im Geigenkas­ten. Daneben hüb­sche Uten­silien, eine Espres­so­dose, Ästhetik des Alltäglichen. Die These, dass jed­er Men­sch ein Kunst­werk sei, grundiert die Porträt­ga­lerie des 4. Satzes, die ihren eige­nen Charme in den erfrischen­den Sen­ten­zen der einzel­nen „Klangkör­p­er“ hat: eine Truppe mit Herz und Esprit.
Die vor­liegende Kollek­tion meis­ter­lich­er Fotos von Horst Wacker­barth und die von Tilman Spen­gler beiges­teuerten inspiri­erten Texte kön­nen als Liebe­serk­lärung an eine Insti­tu­tion gele­sen wer­den, in der Men­schen aus Fleisch und Blut tagtäglich ins Werk set­zen, was anderen Men­schen zur Botschaft wird.
Peter Beck­er