Daniel Barenboim/ Michael Naumann

Klang der Utopie

Vom West-Eastern Divan Orchestra zur Barenboim-Said Akademie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Henschel
erschienen in: das Orchester 02/2019 , Seite 60

Musik ist mit dem Leben eng ver­bun­den, und ein wahrer Musik­er muss im Leben ste­hen.“ Flucht vor der Real­ität in den Elfen­bein­turm der Musik akzep­tiert Daniel Baren­boim nicht. Und er lebt es vor, nicht zulet­zt mit seinem „Exper­i­ment in Utopie“, mit den weltweit­en Aktiv­itäten des West-East­ern Divan Orches­tra, das er vor fast 20 Jahren mit seinem Fre­und, dem mit­tler­weile ver­stor­be­nen palästi­nen­sis­chen Lit­er­atur­wis­senschaftler Edward W. Said, gegrün­det hat.
Diese Orch­ester­grün­dung ist die Reak­tion auf „Schmerz und Empörung“ über „das men­schliche Leid und die Ungerechtigkeit im Nahen Osten“. Baren­boim betont: „Es ist ein Orch­ester im Exil, da wir im Nahen Osten über­haupt nicht akzep­tiert sind, wed­er von den Israelis noch von den Arabern.“ Seit 1948 schwelt der Kon­flikt zwis­chen den Völk­ern Israels und Palästi­nas. Baren­boim weiß natür­lich: „Musik kann keine physis­chen Gren­zen spren­gen. Aber Musik kann zeigen, dass der Kol­lege am Nach­barpult mir viel näher ist, als ich vielle­icht denke.“
2016 öffnete die Baren­boim-Said Akademie in Berlin ihre Tore. In ihren Work­shops und Sem­i­naren „geht es primär darum zu ler­nen, einan­der zuzuhören“. Es ist der Ver­such, „die Men­schen davon zu überzeu­gen, dass es für ihre Region keine mil­itärische Lösung gibt und auch keine poli­tis­che – nur eine men­schliche“. Das sehr engagiert geschriebene Buch ver­an­schaulicht Daniel Baren­boims Beken­nt­nis: „Die Grün­dung der Baren­boim-Said Akademie ist für mich die Erfül­lung eines Leben­straums.“ Die Kom­bi­na­tion von „musikalis­ch­er Aus­bil­dung und human­is­tis­chem sowie geis­teswis­senschaftlichem Cur­ricu­lum“ ver­ste­ht sich als eine „Schule der Akzep­tanz“, in der eine musikalisch-poli­tis­che Idee, eben Baren­boims Vision, Wirk­lichkeit gewor­den ist. Ein einzi­gar­tiges Bil­dung­spro­jekt, in dem sich junge Men­schen aus dem gesamten Nahen Osten und Europa begeg­nen, miteinan­der reden, sich zuhören und miteinan­der musizieren.
Frank Gehry hat dieser beson­deren Bil­dungsin­sti­tu­tion einen architek­tonisch orig­inellen, mod­u­laren Konz­ert­saal (mit umliegen­den Räum­lichkeit­en für die Akademie) ent­wor­fen, der nach Pierre Boulez benan­nt ist. Schon im ersten Jahr zog der 2017 im ehe­ma­li­gen Kulis­sende­pot der Staat­sop­er Unter den Lin­den eröffnete Saal 85000 Besuch­er in 150 Konz­erten an.
Das von Michael Nau­mann, dem Rek­tor der Baren­boim-Said Akademie, her­aus­gegebene Buch beschreibt den Weg von der Grün­dung des außergewöhn­lichen Orch­esters zur Akademie bis hin zur Entste­hung ihres Konz­ert­saals in Fotos, Grafiken und Tex­ten ver­schieden­er Autoren. Das Buch darf als Ideen­pro­gramm, Bestand­sauf­nahme bish­eriger Erfahrun­gen und Doku­men­ta­tion ein­er Ausstel­lung ver­standen wer­den, die seit 2016 im Foy­er der Akademie in der Berlin­er Franzö­sis­chen Straße zu sehen ist. Jed­er kann sich dort dem Klang der Utopie näh­ern, jen­em Geist, der diese einzi­gar­tige, „unab­hängige Repub­lik des West-East­ern Divan Orches­tra“ durch­pulst.
Dieter David Scholz