Jan Kampmeier

Kammermusik der Moderne 1900–1940

Zeitgemäßes Komponieren abseits der Neuen Musik bei Paul Juon und anderen

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Epos-Verlag
erschienen in: das Orchester 7-8/2022 , Seite 60

Der Begriff der „Mod­erne“ ist, was die Musikgeschichte anbe­t­rifft, unlös­bar mit den avant­gardis­tis­chen Strö­mungen des 20. Jahrhun­derts verknüpft, wobei die Auflö­sung bzw. Abwen­dung von der Tonal­ität ein zen­trales Merk­mal dieser Ten­den­zen darstellt. Einen Gegen­pol zu diesen Entwick­lun­gen bilden solche Kom­pon­is­ten, die gerne unter dem Schlag­wort der „let­zten Spätro­man­tik­er“ sub­sum­iert werden.
Die vor­liegende Dis­ser­ta­tion von Jan Kamp­meier wen­det sich nun­mehr Kom­pon­is­ten zu, die eine Art „Mit­tel­weg“ bilden – einen Mit­tel­weg, „der mit den ver­meintlichen Spätro­man­tik­ern den Bezug auf die Tra­di­tio­nen des 19. Jahrhun­derts bis zu gewis­sem Grade teilt, mit der Neuen Musik hinge­gen den Anspruch, neue Tech­niken zu etablieren“, wie der Autor es in der Ein­leitung selb­st beschreibt. Seine Wahl von Paul Juon als zen­trale Fig­ur sein­er Unter­suchun­gen begrün­det der Autor ins­beson­dere mit seinem Anliegen, auch weniger bekan­nte Kom­pon­is­ten im Inter­esse ein­er größeren Vielfalt in den Blick der Forschung zu nehmen.
Zu Beginn des Ban­des ste­ht ein Grund­la­genkapi­tel, in dem zen­trale Aspek­te und Begriffe in Bezug auf den Forschungs­ge­gen­stand definiert wer­den. Eine wesentliche These hier­bei ist die Entkop­plung der Begriffe „Neue Musik“ und „Mod­erne“, wobei let­zter­er seit­ens des Autors für den ange­sproch­enen „Mit­tel­weg“ in Beschlag genom­men wird, wie er zuvor bere­its in der Ein­leitung verdeut­licht. Des Weit­eren wird der Aspekt der Tonal­ität und die Abkehr von dieser unter Her­anziehung divers­er Quellen aus­führlich disku­tiert. Dem fol­gt als weit­eres Haup­tkapi­tel eine Folge von sum­marischen Darstel­lun­gen von anderen Kom­pon­is­ten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhun­derts, welche, ähn­lich wie Paul Juon, dem ange­sproch­enen „Mit­tel­weg“ zugerech­net wer­den kön­nen. Als beson­ders inter­es­sant erweist sich hier­bei der Exkurs zu Jean Sibelius, in dem dessen Zuord­nung zu den Spätro­man­tik­ern disku­tiert und hin­ter­fragt wird.
Schließlich wen­det sich Kamp­meier in einem weit­eren Haup­tkapi­tel Paul Juon zu. Vor den eigentlichen Werk­analy­sen, welche ein eigenes Unterkapi­tel umfassen, gibt der Autor zunächst Ein­blicke in die Hin­ter­gründe der getrof­fe­nen Werk­auswahl sowie weit­ere Infor­ma­tio­nen hin­sichtlich der zugrun­degelegten Methodik in der vor­liegen­den Studie. Die Auswer­tung zeit­genös­sis­ch­er Kri­tiken bildet zugle­ich ein Spiegel­bild für die Bedeu­tung und die Bew­er­tung Juons in sein­er Zeit. Die fol­gen­den Werk­analy­sen fall­en detail­re­ich aus und wer­den durch eine Vielzahl an Noten­beispie­len ver­an­schaulicht. Ein umfassendes Resümee am Ende ord­net die Ergeb­nisse der Studie nochmals in den musikgeschichtlichen Kon­text ein.
Alles in allem kann die vor­liegende Abhand­lung als wichtiger Impuls­ge­ber aufge­fasst wer­den, im Stilplu­ral­is­mus des 20. Jahrhun­derts dur­chaus zu dif­feren­zieren und hier­bei „Mit­tel­wege“ oder aber auch noch viel feingliedrigere Schat­tierun­gen an Kom­po­si­tion­stech­niken und ‑stilen – über das konkrete Beispiel Paul Juon hin­aus­ge­hend – abzu­gren­zen und zu diskutieren.
Bernd Wladika