Kaminski ON AIR 1

Der Ring des Nibelungen nach Richard Wagner, Buch & Regie: Stefan Kaminski, 4 DVDs

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Die Theater Edition, www.theateredition.com
erschienen in: das Orchester 04/2013 , Seite 78

Über die Sprache in Richard Wag­n­ers Musik­dra­men ist bere­its alles gesagt und geschrieben wor­den. Und während die einen mit Zitat­en vom „schleck­en Geschlüpfer“ auf jed­er Par­ty die Lach­er auf ihrer Seite haben, ste­hen die anderen fasziniert vor einem Sprachkunst­werk, mit dem Wag­n­er nichts weniger ver­sucht hat, als die Sprache selb­st musikalisch zum Klin­gen zu brin­gen. Den­noch: Sich nur mit dem Text auf die Bühne zu wagen und ohne Wag­n­ers Musik den Ring an vier Aben­den als Schaus­piel aufzuführen – auf diese Idee ist vielle­icht denn doch noch nie­mand gekom­men.
Oder doch? Ste­fan Kamin­s­ki jeden­falls ist dem Reiz von Wag­n­ers Sprache erlegen und hat im Rah­men sein­er Live-Hör­spiel-Soloabende „Kamin­s­ki ON AIR“ am Deutschen The­ater Berlin an vier Aben­den den Ring auf die Bühne gebracht. Als Allei­n­un­ter­hal­ter im besten Sinne verkör­pert Kamin­s­ki alle Rollen in ein­er Per­son, nur unter­stützt von Hel­la von Ploetz an der Glasharfe, Sebas­t­ian Hilken am Kon­tra­bass und Schlagzeug, weni­gen selb­st­gemacht­en Req­ui­siten sowie ein­er kon­ge­nialen Lichtregie.
Aus­gangspunkt sein­er impro­visatorischen Annäherung ist Wag­n­ers Libret­to, das Kamin­s­ki auf ca. 90 Minuten pro Oper kürzt, wobei manche Neben­rollen gestrichen wer­den; ihr Text wird gegebe­nen­falls auf andere Fig­uren verteilt. Mit dieser Textgrund­lage begin­nt im Team die Suche nach Aus­drucksmöglichkeit­en, ein­fach­sten Re­quisiten, Licht und vor allem Geräuschen und Geräuscherzeugern. Zum Teil hält sich Kamin­s­ki nahezu wörtlich an Wag­n­ers Text, an ander­er Stelle sucht er neue Worte in heutiger Sprache. Die Riesen etwa treten als berlin­ernde Bauar­beit­er auf, die klassenkämpferisch ihre gerechte Ent­loh­nung ein­fordern. „Die Riesen
im ‚Rhein­gold‘ sind mir beson­ders wichtig“, so Ste­fan Kamin­s­ki, „weil sie mein erster Anlass waren, die Sprache Wag­n­ers zu ver­frem­den, heutiger zu machen.“ Für die Rolle des Loge, ein­er zen­tralen Fig­ur im Rhein­gold, geht Kamin­s­ki in seinem „Ring von unten“ noch weit­er und lässt ihn als Rap­per auftreten, um mit „Musik von der Straße“ auch musikalisch ein Ver­frem­dungse­le­ment hinzuzufü­gen.
Falls nun angesichts des bish­er Beschriebe­nen manchen Wag­n­er-Lieb­haber das Grausen befällt, so sei er an Lori­ot erin­nert, dem es in seinem Ring an einem Abend so mitreißend gelingt, bei aller Komik ein psy­chol­o­gisch dif­feren­ziertes Bild der Wagner’schen Fig­uren zu zeich­nen. Ähn­lich bei Ste­fan Kamin­s­ki: Seine hin­reißende Büh­nen­per­for­mance, seine exaltierte Mimik und effek­tvolle Sprache, sein Pen­deln zwis­chen Komik und Ern­sthaftigkeit, seine Suche nach unge­hörten Klän­gen von Glasharfe und Theremin – das alles verbindet sich zu einem rauschhaften Sog, der die Fig­uren in ein­er neuen Schärfe und Direk­theit darstellt, wie man sie bei ein­er Oper­nauf­führung des orig­i­nalen Ring nur schw­er wird erleben kön­nen.
Neugierige kön­nen auf der Web­site www.kaminski-on-air.de zu jed­er Oper ein „Mak­ing of“-Video anse­hen. Dort find­et man auch die Ter­mine von Kamin­skis Liveauftrit­ten mit seinem Ring-Pro­jekt, mit dem er im Wag­n­er-Jahr außer in Berlin auch noch in Wien, Frank­furt und Bayreuth zu sehen sein wird. Die DVDs sind sowohl als Box als auch einzeln erhältlich.
Rüdi­ger Behschnitt