Heinz Holliger

Kadenzen

Konzert für Flöte, Harfe und Orchester in C-Dur KV 299 von Wolfgang Amadeus Mozart

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 04/2020 , Seite 68

Sich frei, unbeschw­ert und mit Lust in der schein­baren Leichtigkeit des Seins zu bewe­gen gehört unter Instru­men­tal­is­ten immer noch zu den Herkule­sauf­gaben – ver­gle­ich­bar „ein­fach“ hat es der Musik­er, der sich mit kindlich­er Unbe­fan­gen­heit und der Tech­nik des ver­sierten Profis dieser Auf­gabe stellt, die beispiel­sweise Mozarts Musik innewohnende Schw­erelosigkeit ins Klan­gliche zu tran­szendieren.
Der Zugang zur Trans­for­ma­tion liegt hier in Form der Kaden­zen zu dem Konz­ert für Flöte, Harfe und Orch­ester in C-Dur KV 299 durch die kon­ge­niale Mod­i­fika­tion Mozart’schen Gedankenguts in eine durch und durch geat­mete, im besten Sinne spielerische Kom­po­si­tion­ser­weiterung durch Heinz Hol­liger vor. Gewiss, neu sind die Kaden­zen nicht; eine Rei­he illus­tr­er Namen ste­ht mit dem heit­eren, musikalisch unkom­plizierten Werk in Verbindung. Doch in vor­liegen­der Aus­gabe find­en wir Hol­ligers ver­schiedene Fas­sun­gen des deut­lich an Mozarts eigen­er Prax­is ori­en­tierten Kaden­zgedankens gesam­melt, zugle­ich Flöten- und Har­fen­stimme im großzügi­gen Druck geset­zt, der die kam­mer­musikalis­che Ori­en­tierung deut­lich fördert und das Spiel erle­ichtert.
Uraufge­führt wur­den die Kaden­zen vor ger­aumer Zeit. So stam­men beispiel­sweise die Erstein­spielun­gen von 1970 (Peter-Lukas Graf/Ursula Hol­liger) sowie 1987 (Aurèle Nicolet/Ursula Hol­liger). Die erste Fas­sung (1962) betont im Ver­gle­ich zur zweit­en (1987) im Beginn den vir­tu­osen Aspekt in der Flöten­stimme; die Zweite erscheint dial­o­gori­en­tiert­er. Diesen Grundgedanken find­en wir auch im 2. Satz wieder; Hol­liger dün­nt in der Ver­sion von 1987 den Klang etwas aus, führt schlankere Lin­ien und lässt zugun­sten kam­mer­musikalis­ch­er Kom­mu­nika­tion den Far­baspekt, der die 1962er-Fas­sung eher dominiert, zurück­treten. Ger­ade im 2. Satz tritt die Gle­ich­berech­ti­gung bei­der Instru­mente stärk­er in den Vorder­grund – hat die vir­tu­os geführte Harfe in der 1962er-Fas­sung doch mehr Klangvol­u­men, far­ben­prächtige Kulis­senfunk­tion, so set­zt der puris­tis­chere 1987er-Part stärkere motivisch-the­ma­tis­che Akzente.
Im 3. Satz schließt die 1962er-Kadenz den Kreis zum trans­par­enten Zwiege­spräch der 1987er-Fas­sung; auch hier erle­ichtert die recht genaue Zeichenge­bung die inter­pre­ta­torische Kom­mu­nika­tion des luzi­den Dialogs.
Für den Vor­trag sind sich­er die ver­schiede­nen Kaden­zen inter­es­sant; ob sich der Flötist je nach Möglichkeit­en für eine eigene kaden­ziale Betra­ch­tung der The­men, für Rei­necke, Badu­ra-Sko­da oder Hol­liger entschei­det, hängt sich­er auch vom Kon­text des Konz­ert­pro­gramms ab. Hol­ligers Kaden­zen als vielfach erprobte, deut­lich an Mozarts Inten­tion ori­en­tierte kam­mer­musikalis­che Preziosen wer­den aber sich­er unverzicht­bar bleiben.
Christi­na Humen­berg­er