Hiller, Wilfried

Kaddisch

für Klarinette, Kontrabass und Klavier, Spielpartitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2014
erschienen in: das Orchester 07-08/2015 , Seite 70

Im Okto­ber 2010 ver­starb 60-jährig der Diri­gent David Stahl, seit 1999 Musikdi­rek­tor des Münch­n­er Gärt­ner­platzthe­aters. Der gebür­tige New York­er, dessen jüdis­che Eltern aus Fürth bzw. Essen stammten, war in den USA als Assis­tent Leonard Bern­steins und inter­na­tion­al als Mahler-Inter­pret bekan­nt gewor­den.
Der 1941 geborene Münch­n­er Kom­pon­ist Wil­fried Hiller, Schüler von Gün­ter Bialas und Carl Orff, wid­met mit seinem acht­minüti­gen Trio Kad­disch (aramäisch für „heilig“) dem ver­stor­be­nen Kol­le­gen David Stahl ein instru­men­tales Trauerge­bet. Die Ton­folge h–c–h–f bildet das zunächst leise kla­gende Aus­gangsmo­tiv, das sich im varia­tiv­en Wech­sel­spiel der drei Instru­mente steigert, wobei sich die Tri­tonuss­pan­nung f–h als entschei­den­des Movens bewährt. Höhep­unkt des Stücks ist ein ankla­gen­der For­tis­si­mo-Aus­bruch mit perkus­siv­en absteigen­den Dre­iton­fol­gen, die, wie dem Vor­wort des Kom­pon­is­ten zu ent­nehmen ist, als „stäh­lerne“ Syl­labisierung des Namens „Da-vid Stahl“ zu ver­ste­hen sind.
Gegen Ende des Werks lässt Hiller die Klar­inette eine orig­i­nal jüdis­che Melodie zum Psalm 119 intonieren, dessen Text an dieser Stelle lautet: „Deine Verse sind eine Lampe meinem Fuß, Schat­ten und Licht öff­nen Weite und Tiefe dem Pfad meines Lebens.“ Die Kom­po­si­tion schließt in leis­er hoher Klar­inet­ten­lage mit den Tönen D und Es, die dies­mal die Ini­tialen des Wid­mungsträgers zum Klin­gen brin­gen.
Wil­fried Hillers Beset­zung Klar­inette, Kon­tra­bass und Klavier hat in der geläu­fi­gen Kam­mer­musik kein Vor­bild; allen­falls Juan Allende-Blins Silences inter­rompues von 1969 wären als beset­zungsi­den­tis­ches Werk zu nen­nen.
Hiller lässt die Klar­inette fast per­ma­nent als melodiegestal­tenden Haup­tak­teur auftreten. Kon­tra­bass und Klavier haben demge­genüber rel­a­tiv viele gemein­same Pausen und aus­r­u­far­tige, wiederum gemein­same Neue­in­stiege; bei dem erwäh­n­ten dynamis­chen Aus­bruch übernehmen sie das perkus­sive Ele­ment mit Sekun­drei­bun­gen im Diskant des Klaviers und nach­schla­gen­den Attack­en der Holz­seite des Bogens auf die bei­den oberen Sait­en des Kon­tra­bass­es. Im abschließen­den Psalmteil deuten sich gegenüber den immer noch erregten Ton­rep­e­ti­tio­nen der Klar­inette ruhige, choralar­tige Akko­rdgänge von Klavier und Bass an.
In der skizzierten Beschränkung der Motivik ein­er­seits und der instru­men­tal­en Funk­tion ander­er­seits gelingt Wil­fried Hiller mit Kad­disch ein beein­druck­endes, ursprünglich ver­mut­lich sehr per­sön­lich gefärbtes Doku­ment inten­siv­er Trauer, das in sein­er emo­tionalen Dichte aber gewiss auch all­ge­me­ingülti­gen Charak­ter über den Todes­fall David Stahls hin­aus zu ent­fal­ten ver­mag.
Die Einzel­stim­men von Klar­inette und Kon­tra­bass sind als proben­fre­undliche Spiel­par­ti­turen, also als Kopi­en der nur fünf Seit­en umfassenden Klavier­par­ti­tur, gefer­tigt. Das Werk wurde bere­its im März 2011 in München uraufge­führt.
Rain­er Klaas