Schmid-Reiter, Isolde / Aviel Cahn (Hg.)

Judaism in Opera – Judentum in der Oper

Schriften der Europäischen Musiktheater-Akademie, Bd. 11

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: ConBrio
erschienen in: das Orchester 11/2017 , Seite 57

Vermintes Musiktheater? Selbst als agnostischer Rezensent wählt man seine Worte vorsichtiger – heikel sind die historischen und aktuellen Implikationen bezüglich jüdischer Künstler und ihrer Werke. Anlässlich einer Neuinszenierung von Fromental Halévys La Juive veranstaltete die Antwerpener Opera Vlaanderen ein Symposium. Nicht Richard Wagners vielfach analysiertes Judentum-Pamphlet, sondern Einflüsse jüdischer Kultur und Opernkunst sollten multiperspektivisch betrachtet werden. Entsprechend international war das Podium mit Wissenschaftlern und Künstlern besetzt. Der zweisprachige Band fordert das Englisch des deutschen Lesers fachspezifisch und nuanciert zu Musik, Kunst und Psychologie heraus.
Als Generallinie der mitdiskutierenden jüdischen Künstler – etwa Jossi Wieler, Ioan Holender, Moshe Leiser, Barrie Kosky, Neil Shicoff – wurde klar, dass es keine spezifisch „jüdische“ Interpretation, Inszenierung oder Gestaltung gibt. Dennoch spielt die jüdische Abstammung eine Rolle, wenn etwa der aus der Nähe von Konstanz stammende Wieler bei der Bildersuche zum Konzil von 1415 auf Fotos von 1939 stieß, in der Konstanzer Bürger als „Emigranten mit Koffer“ kostümiert beim Faschingsumzug mitmarschierten – und er das dann seinem Staatsopernchor aus 17 Nationen verständlich machen musste. Hier und auch in vielen anderen Aussagen schwingt der Begriff „Schmerzpotenzial“ mit. Jüdische Wissenschaftler betonen mehrfach die zentrale „unüberwindbare“ Zäsur im kollektiven jüdischen Selbstbewusstsein, die der Holocaust darstellt.
Peter Konwitschnys kühne Entscheidung, in seiner Jüdin-Inszenierung eine immer klischee-gefährdete Juden-Christen-Bebilderung zu umgehen, indem sich Menschen mit blauen und gelben Händen begegnen und gegenüberstehen, wird diskutiert; kontrovers speziell seine Werkzutat, die als Jüdin erzogene Christentochter Rachel am Ende mit Sprenggürtel als Dschihadistin alles in die Luft sprengen zu lassen.
Die viele Einzeluntersuchungen und Fachaufsätze zusammenfassenden Vorträge von Hilde Haider, Erik Levi und Mathias Spohr machen das beeindruckend weite und vielfältige Spektrum jüdischer Künstler seit der frühen Neuzeit, speziell dann in der Aufklärung und im 19. wie 20. Jahrhundert kompakt überschaubar; hier werden auch Singspiele, die komische Oper, Brettl-Künstler, die klassische Operette und das Musical mit einbezogen – ein großer Lesegewinn. Dazu zählt auch der Ausblick auf Werke, die um jüdische Identität nach dem Holocaust kreisen.
Insgesamt bestätigt sich auch bezüglich des Komplexes „Judentum und Musiktheater“ ein Satz Jonathan Swifts: „Wir haben gerade genug Religion in uns, um uns zu hassen, aber nicht genug, um uns zu lieben.“
Wolf-Dieter Peter