Anja Ganschow/Hartmut Wecker (Hg.)

Jubiläumsband zum 200. Geburtstag

Friedrich-Kiel-Forschungen, Bd. 5

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Königshausen & Neumann
erschienen in: das Orchester 6/2022 , Seite 65

Plöt­zlich berühmt! Mit der begeis­tert aufgenomme­nen Urauf­führung seines Requiems f‑Moll op. 20 ist der Musikpäd­a­goge, Pianist und Kom­pon­ist Friedrich Kiel mit einem Mal ein gemachter Mann. Am 8. Feb­ru­ar 1862 gelingt dem Musik­er, der zwanzig Jahre zuvor aus der süd­west­fälis­chen Prov­inz in die preußis­che Haupt­stadt Berlin gekom­men ist, der Durchbruch.
Auf die bre­ite Anerken­nung fol­gen Ausze­ich­nun­gen und Anstel­lun­gen. 1865 wird Kiel in die Akademie der Kün­ste zu Berlin aufgenom­men und 1869 als – bald immens gefragter – Kom­po­si­tion­slehrer an die neu gegrün­dete Hochschule für Musik in Berlin berufen. Mehr und mehr unter­stre­icht er sein eigenes Ver­mö­gen als Ton­set­zer auch mit groß angelegten Werken für Chor und Orch­ester. Zu Lebzeit­en gilt Friedrich Kiel, wenn auch im Schat­ten der epochal prä­gen­den Roman­tik­er Schu­mann und Brahms, als Koryphäe. Doch nach seinem recht frühen Tod im Jahr 1885 gerät er zunehmend in Vergessenheit.
Vol­lkom­men vergessen ist Kiel indes nicht. Seit Jahrzehn­ten hält die nach ihm benan­nte Gesellschaft sein Andenken wach – unter anderem auch mit der kleinen Rei­he der Friedrich-Kiel-Forschun­gen, in der zum 200. Geburt­stag des Kom­pon­is­ten nun der fün­fte Band erschienen ist: ein Herzen­spro­jekt für die Ver­ant­wortlichen des Vere­ins. Anja Gan­schow und Hart­mut Weck­er leg­en mit dem Jubiläums­band zum 200. Geburt­stag ein Buch vor, das den Blick auf Friedrich Kiel noch ein­mal schärft. Die zehn Beiträge beschreiben dessen Kos­mos aus unter­schiedlichen Per­spek­tiv­en: mal biografisch und überblick­sar­tig einord­nend, mal in ein­er exem­plar­ischen Werk­be­tra­ch­tung des „Christus“-Oratoriums, mal aus der Sicht eines sein­er Schüler und mal mit explizitem Blick auf die Auf­führun­gen des Leipziger Riedel-Vereins.
Mit Susanne Büch­n­er ist eine aus­ge­sproch­ene Kiel-Exper­tin im Autor:innen-Kreis vertreten; sie doku­men­tiert die Musikalien Kiels in der Library of Con­gress in Wash­ing­ton D.C. und ver­weist damit auf das auch inter­na­tionale Renom­mee des Kom­pon­is­ten. Einger­ahmt wird all das von der Würdi­gung des für das Andenken Kiels so engagiert arbei­t­en­den Peter Pfeil (1938–2018): So erin­nert Diet­mar Schenk, Archivar der Uni­ver­sität der Kün­ste Berlin (UdK), an die Über­gabe des Kiel-Archivs an das UdK-Archiv, und Anja Gan­schow, die Vor­sitzende der Friedrich-Kiel-Gesellschaft, bün­delt in kom­pak­ter Form die Ver­di­en­ste von Pfeil. Eines davon ist die Ein­rich­tung der Kiel-Grab­stätte im Bad Laa­s­pher Stadt­teil Pud­er­bach, wo Friedrich Kiel am 8. Okto­ber 1821 geboren wurde. Von hier ging es für ihn hin­aus in die Welt.
Das neue Buch soll der Abschluss dieser Rei­he sein und zugle­ich ein Auf­takt – denn noch ste­ht eine Mono­grafie aus. Diese auf den Weg zu brin­gen und zugle­ich Kiel selb­st an seinen ein­sti­gen Wirkungsstät­ten sicht­bar­er zu machen, sind zwei bedeut­same Punk­te auf der Agen­da der Friedrich-Kiel-Gesellschaft. Sie kön­nte und sollte wohl auch den Rück­en­wind des Jubiläums­bands nutzen.
Clau­dia Irle-Utsch