Peter Eötvös

Joyce

für Klarinette und Streichquartett

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 06/2021 , Seite 66

Inspi­ra­tion für seine Kom­po­si­tio­nen hat der ungarische Kom­pon­ist Peter Eötvös immer wieder aus außer­musikalis­chen Quellen gezo­gen, sei es aus der bilden­den Kun­st wie in Read­ing Male­vich oder wie im vor­liegen­den Fall aus der Lit­er­atur. Dabei geht es ihm nicht um eine inhaltliche Duplizierung oder um pro­gram­ma­tis­che Aspek­te, son­dern um eine Ver­wand­lung in eine musikalis­che Komposition.
Das elfte Kapi­tel aus James Joyce’ epochalem Werk Ulysses hat ihn in Verbindung mit Tex­ten von Homer und Kaf­ka 2016 zu der dreisätzi­gen Kom­po­si­tion The Sirens Cycle für Sopran und Stre­ichquar­tett angeregt, aus der er 2017 den ersten Teil Joyce zu ein­er Fas­sung für Klar­inette und Stre­ichquar­tett umschrieb, die 2019 in Madrid uraufge­führt wurde. Die sieben zum Teil sehr kurzen Sätze über­set­zen, wie Eötvös im Vor­wort aus­führt, „die von den anwe­senden attrak­tiv­en Bar­damen angeregten äußerst masku­li­nen Träumereien des Pro­tag­o­nis­ten Leopold Blum in entsprechend ener­gis­che musikalis­che Gesten“.
Diese Gesten sind äußerst wech­sel­haft, prallen dynamisch extrem aufeinan­der und umspan­nen oft den ganzen Ton­raum der Klar­inette. Sie wer­den for­mal und inhaltlich über die Sätze hin­weg durch zumeist kurze chro­ma­tis­che Zellen – in der Abwärts­führung mit Stac­ca­to ver­bun­den die Atmo­sphäre der Leichtlebigkeit ein­fan­gend oder auf das Ver­führerische ver­weisend – einge­bun­den. Die Spielan­weisung „lachend“ beim Auftreten ein­er solchen Zelle im let­zten Satz eröffnet einen weit­eren inter­pre­ta­torischen Raum.
Ins­ge­samt ist die Ton­sprache Eötvös’ von den klang­far­blichen Errun­gen­schaften der zeit­genös­sis­chen Musik geprägt, aber sie führt nicht bis zum nur Geräuschhaften oder zur starken Ver­frem­dung. Exten­siv wer­den das Spiel in hohen Lagen und zum Sujet passende Glis­san­do­ef­fek­te genutzt. Damit bleibt die musikalis­che Umset­zung rel­a­tiv nahe bei der Tech­nik der Sprach­be­hand­lung von Joyce mit u.a. Wort­spie­len, Wort­neuschöp­fun­gen, Wor­tum­stel­lun­gen und Laut­malerei. Ana­log dazu find­en sich in der Musik Per­mu­ta­tio­nen im Melodis­chen. Darüber hin­aus gibt es kon­struk­tive for­male Ver­fahren. Im drit­ten Satz beispiel­sweise, mit dem Unter­ti­tel „O Rose“, erzeu­gen die Stre­ich­er einen vier­stim­mi­gen Klangtep­pich, der aus Spiegelun­gen unter­schiedlich­er Melo­di­en und Rhyth­men entste­ht, während im sech­sten Satz kanonar­tige Abschnitte und deren umgekehrte Ein­satz­folge vorkommen.
Die Musik Eötvös’ hat auch eine starke rhyth­mis­che Prä­gung, die ein­mal, als es allzu har­monisch zu wer­den dro­ht, durch ein dazwis­chen gerufenes „PSSSS“ iro­nisch gebrochen wird. Eben­so über­raschend ist kurz vor dem Ende das Ein­drin­gen von Naturlaut­en in den Stre­ich­ern, die „wie ein Vogel“ klin­gen sollen. All dies zeigt die Hand­schrift eines Kom­pon­is­ten, der es ver­ste­ht, eine lit­er­arische Anre­gung in eine kurzweilige, atmo­sphärisch äquiv­a­lente und effek­tvolle Musik, der es auch nicht an Witz man­gelt, umzusetzen.
Eötvös hat auch eine Ver­sion für Klar­inette solo erstellt, die eben­falls bei Schott (KLB 101) erschienen ist.
Herib­ert Haase