Ruprecht Kamlah

Joseph Joachims Geigen

Ihre Geschichten und Spieler, besonders der Sammler Wilhelm Kux

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Palm & Enke, Erlangen 2018
erschienen in: das Orchester 09/2018 , Seite 68

Stel­len­weise liest sich die vor­liegende Mono­grafie wie ein Krim­i­nal­bericht. Da ist die Rede von gefälscht­en Exper­tisen, Phan­tom-Instru­menten und vie­len Lügen und Ungereimtheit­en. Ruprecht Kam­lah, pen­sion­iert­er Notar und sich­er nicht in allererster Lin­ie Musik­wis­senschaftler, untern­immt eine an Sta­tio­nen und Facetten reiche Reise durch den Instru­mentenbe­sitz des berühmten Geigers Joseph Joachim und spürt dem weit­eren Verbleib der mehr oder weniger gut bekan­nten Stre­ichin­stru­mente nach.
Natür­lich darf man die Frage stellen, welch­er musik­wis­senschaftliche Erken­nt­nis­gewinn im Zusam­men­tra­gen von „Geschicht­en“ (so benan­nt im etwas sper­ri­gen Unter­ti­tel dieses Ban­des) über Joseph Joachims Geigen denn nun liegen mag. Erwarten würde man ganz sich­er die Beant­wor­tung von Fra­gen wie: Warum griff der Vio­lin­vir­tu­ose für bes­timmte Werke oder zu bes­timmten Zeit­en auf die eine oder andere Vio­line sein­er Samm­lung zurück? Welche Instru­mente schätzte er auf­grund welch­er Eigen­schaften beson­ders?
Antworten darauf liefert Kam­lah nur am Rande. Wichtiger sind ihm die Beschrei­bung der Besitzver­hält­nisse nach Joachim beziehungsweise, im Fall des im Unter­ti­tel erwäh­n­ten Bankiers Wil­helm Kux, die Darstel­lung von dessen Leben­sum­stän­den in und nach der Zeit des „Drit­ten Reichs“.
Anhand ein­er mit Bezug auf Kux’ Flucht in die Schweiz fälschlicher­weise als „Joachim“-Guarneri aus­gegebe­nen Geige zeigt Ruprecht Kam­lah die Schwierigkeit­en der Prove­nien­z­forschung auf, die zwar sel­ten musik­wis­senschaftlich bahn­brechende Erken­nt­nisse zutage fördert, ander­er­seits aber zeit­geschichtlich dur­chaus inter­es­sant sein kann.
Hier liegt der Mehrw­ert dieses reich bebilderten Ban­des: Kam­lah gewährt Ein­blicke in den Instru­menten­han­del rund um die Wende zum 20. Jahrhun­dert, er zeigt auf, wie sich die gut geölte Maschiner­ie der Nazis Kunst­werke (zu denen auch wertvolle Vio­li­nen zählten) ein­ver­leibte, und er berichtet von den Schwierigkeit­en der Resti­tu­tion solch­er Instru­mente nach dem Zweit­en Weltkrieg.
Ruprecht Kam­lahs Buch ist zwar recht gut les­bar, allerd­ings man­gelt es ihm stel­len­weise an geschlif­f­en­er Sprache und lit­er­arisch­er Qual­ität. Bisweilen gewin­nt man – auch auf­grund der zahlre­ichen Inter­punk­tions- und Rechtschreibfehler – den Ein­druck, man habe es hier mit einem Manuskript zu ein­er Rede oder Rund­funksendung zu tun. Hier hätte ein ver­siert­er Lek­tor sich­er einge­grif­f­en. Ganz ähn­lich ver­hält es sich mit dem Werbe-Klap­pen­text der Geigerin Vik­to­ria Elis­a­beth Kaun­zn­er und dem Vor­wort von Robert White­house Esh­bach, das einem „Abstract“ in englis­ch­er Sprache gle­ichkommt.
Daniel Knödler