Irmen, Hans-Josef

Joseph Haydn

Leben und Werk

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Böhlau, Köln 2007
erschienen in: das Orchester 02/2008 , Seite 59

„Von hier aus und heute emanzip­iert sich die Musik aus höfis­chen Fes­seln.“ – In sein­er Biografie Joseph Haydn spürt Hans-Josef Irmen dem Leben und Schaf­fen des Kom­pon­is­ten im Kon­text kul­turhis­torisch­er Entwick­lun­gen nach. Die streng chro­nol­o­gis­che Erzählweise bricht Irmen dabei schon in den ersten Kapiteln auf und ori­en­tiert sich stattdessen an musikalis­chen Entwick­lungssta­di­en. Sta­tio­nen der Aus­bil­dung und erste Wirkungsstät­ten wer­den abgelöst von Kapiteln über Haydns Klavierk­lang, Opern und Mar­i­onet­ten­spiele, ital­ienis­che Büh­nen­werke, neue Stre­ichquar­tette, Sin­fonien für Paris oder auch die Lon­don­er Konz­erte.
Die jew­eilige kom­pos­i­torische Entwick­lung Haydns erläutert Irmen anhand kurz­er Analy­sen beispiel­hafter Werke. Dabei erhellen eingestreute Exkurse zu musik­sozi­ol­o­gis­chen Phänome­nen wie Sta­tus und Arbeitsweise des Diri­gen­ten, zu Instru­menten­baulichem beispiel­sweise des „Claviers“ oder zu kom­pos­i­torischen Entwick­lun­gen wie der­jeni­gen der Sin­fonie das Ver­ständ­nis für die Musik­welt der Zeit.
Inter­mezzi zum gesellschaft­spoli­tis­chen und geis­tes­geschichtlichen Umfeld Haydns weit­en den Blick auf die Epoche aus. Fürst Niko­laus, dessen skru­pel­lose Prunk­sucht sein ehrgeiziges Bau­vorhaben Schloss Eszter­háza Real­ität wer­den ließ und zu dessen Glanz eben auch der größte Kom­pon­ist der Zeit nicht fehlen durfte, wird dabei eben­so the­ma­tisiert wie Freimau­r­erei und Musikäs­thetik oder das musikalis­che und gesellschaftliche Leben im Lon­don des späten 18. Jahrhun­derts.
Wer jedoch bei diesen Stich­worten mit einem trock­e­nen, schw­er­fäl­li­gen Opus rech­net, der irrt. Trotz des mas­siv­en wis­senschaftlichen Fun­da­ments, auf dem die Biografie augen­fäl­lig basiert, gelingt dem Autor ein pointiert­er Zuschnitt auf das Wesentliche. Oft gere­ichen Irmen einige gezielte, far­bige Striche, um ein lebendi­ges Tableau zu eröff­nen, das den Leser unmit­tel­bar in die größt­mögliche Nähe zur erzählten Geschichte ver­set­zt.
Obwohl Irmen mit sein­er Biografie sicher­lich nicht die Haydn-Forschung rev­o­lu­tion­iert, geht er doch auch musikhis­torischen Unklarheit­en nach und lässt den Leser am Find­ung­sprozess möglich­er Lösun­gen teil­haben. Daneben set­zt Irmen neue Akzente, so beispiel­sweise auf die Bedeu­tung der häu­fig nur en pas­sant erwäh­n­ten Kind­heit des Kom­pon­is­ten im Wag­n­er-Handw­erk. Auch gelingt die Darstel­lung von Haydns Spa­gat zwis­chen kom­pos­i­torisch­er Ent­fal­tung ein­er­seits und Verpflich­tung gegenüber seinem Fürsten ander­er­seits – und dies bei gle­ichzeit­iger meis­ter­lich­er musikalis­ch­er Diplo­matie, wie z.B. die Bary­ton-Kom­po­si­tio­nen für seinen fürstlichen Auf­tragge­ber bele­gen.
Die sprach­liche Nuancierung, das sichere musikhis­torische Urteil über wichtige Details und Zusam­men­hänge sowie die durch­sichtige Gesamt­struk­tur lassen ein aus­ge­wo­genes Ver­hält­nis von Les­barkeit und Infor­ma­tions­dichte entste­hen. Ein aus­führlich­er Anhang mit Zeittafel, Werküber­sicht­en, Lit­er­aturverze­ich­nis, Per­so­n­en­reg­is­tern u.a. sowie ein far­biger Bildteil und die Anmu­tung des Buchs run­den die Biografie wis­senschaftlich und ästhetisch ab.
Astrid Bernicke