Bach, Johann Sebastian

Johannes-Passion

Sunhae Im (Sopran), Benno Schacht­ner (Altus), Sebastian Kohlhepp (Tenor), Werner Güra (Tenor), Johannes Weisser (Bass), RIAS Kammerchor, Staats- und Domchor Berlin, Akademie für Alte Musik, Ltg. René Jacobs

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Harmonia Mundi HMC 802236.37
erschienen in: das Orchester 10/2016 , Seite 65

Bach hat seine Johannes­pas­sion min­destens vier­mal aufge­führt und dabei zum Teil tief greifende Änderun­gen vorgenom­men. 1724 erk­lang sie weit­ge­hend in der uns ver­traut­en Gestalt, ein Jahr später erset­zte er u.a. den Ein­gangschor durch den Choral­satz „O Men­sch, bewein dein Sünde groߓ, den er 1736 in die Mat­thäuspassion über­nahm; der Schluss­choral entstammt ein­er Kan­tate. Im Rück­griff auf die Erst­fas­sung begann Bach um 1739 eine Revi­sion der Par­ti­tur, die jedoch nach Satz 10 abbricht. 1749 führte Bach das Werk mit teil­weise verän­dertem Text und erweit­ert­er Instru­men­talbe­set­zung auf, ohne jedoch die dif­feren­zierten Lesarten sein­er Revi­sion zu be­rücksichtigen. In der Prax­is hat sich eine „Ide­al­fas­sung“ etabliert, die aus­ge­hend von der Ursprungs­fas­sung die Verän­derun­gen von 1739 inte­gri­ert.
Die vor­liegende Ein­spielung fol­gt dieser „Ide­al­fas­sung“; als Anhang bringt sie die genan­nten Arien und Choral­sätze der Fas­sung von 1725. Die großen Chorsätze und die Choräle sind mit bei­den Chören beset­zt, Let­ztere zusät­zlich mit Knaben­stim­men. Mit Aus­nahme des Evan­ge­lis­ten wirken die Solosänger auch dort mit. Eine sorgfältige Aufteilung in Soli und Rip­i­eni schafft sin­nvolle Gliederung und Trans­parenz.
Bemerkenswert ist die Behand­lung der Rez­i­ta­tive: Anstelle der kurzen Akko­r­dan­schläge kommt hier mit guten Grün­den eine „gemis­chte“ Prax­is zur Anwen­dung: Je nach Bez­if­fer­ung, Textgliederung oder Affekt wer­den die Akko­rde aus­ge­hal­ten, gekürzt oder neu angeschla­gen. Im Wech­sel und manch­mal auch gemein­sam kom­men Laute, Cem­ba­lo, Orgel, Gambe, Cel­lo und Kon­tra­bass zum Ein­satz. Auch das Cel­lo set­zt vere­inzelt mit Akko­r­den Akzente – eine Prax­is, die eigentlich erst im späten 18. Jahrhun­dert belegt ist. Ob die über­aus sorgfältige Ein­rich­tung des Bas­so con­tin­uo mit den Bach ver­füg­baren Mit­teln real­isier­bar gewe­sen wäre, ist fraglich; das Resul­tat jeden­falls ist über­wälti­gend.
Wie wichtig Jacobs die Dra­matik der Hand­lung ist, zeigt er auch, wenn er in die Schlus­sakko­rde der bei­den „Kreuzige“-Chöre eine kleine None als Vorhalt ein­fügt. Die bei­den Violen d’amore sind sechs­sait­ige Instru­mente ohne Res­o­nanz­sait­en und offenkundig in G-Dur ges­timmt (nicht c-Moll, wie vielfach prak­tiziert), was den Bach in den 1720er Jahren ver­füg­baren Instru­menten entspricht; ob sie mit Darm oder, wie im frühen 18. Jahrhun­dert üblich, über­wiegend mit Mess­ing- und Stahl­sait­en bezo­gen sind, erfahren wir lei­der nicht.
Die Auf­tak­te und Punk­tierun­gen der Arie „Ach, mein Sinn“ wer­den annäh­ernd tri­olisch rhyth­misiert, was dem Satz viel von sein­er drama­tis­chen Schärfe nimmt. Dies ver­wun­dert umso mehr, als Jacobs anson­sten den Affek­t­ge­halt der Musik auf die Spitze treibt. Trotz dieser kleinen Ein­schränkung ist mit dieser Neuein­spielung eine tief bewe­gende und musikalisch fundierte Inter­pre­ta­tion gelun­gen, an der alle Mitwirk­enden gle­icher­maßen ihren Anteil haben.
Jür­gen Hinz