Johannes Brahms

The Symphonies

Staatskapelle Berlin, Ltg. Daniel Barenboim; 4 CDs

Rubrik: CD
Verlag/Label: Deutsche Grammophon 483 5251
erschienen in: das Orchester 05/2019 , Seite 65

Sieben Jahre dauerte der Umbau der Staat­sop­er Unter den Lin­den in Berlin – länger und teur­er als geplant: kein über­raschen­des Phänomen, denkt man an den Flughafen Berlin-Bran­den­burg oder die Ham­burg­er Elbphil­har­monie. Dass ein Teil des alten Opern­magazins der Baren­boim-Said-Akademie über­lassen wurde, erwies sich allerd­ings als Glücks­fall.
Neben der Musikaus­bil­dungsstätte, in der Musik­er aus Israel und den ara­bis­chen Län­dern friedlich nebeneinan­der musizieren, wurde auch ein neuer Kam­mer­musik­saal, der Pierre Boulez Saal, real­isiert. Im März 2017 wurde der Konz­er­traum eröffnet, der nicht nur für die Musikhochschule intern und für offizielle Konz­erte, son­dern auch für Auf­nah­mezwecke genutzt wird. So spielte die Staatskapelle Berlin, die ja zugle­ich Konz­ert- und Oper­norch­ester ist, im Okto­ber 2017 unter ihrem langjähri­gen Chefdiri­gen­ten Daniel Baren­boim im Boulez-Saal die Sin­fonien von Johannes Brahms ein.
Akustisch beste­ht der Saal diese Feuer­taufe, denn der vom Auf­nah­me­team einge­fan­gene Klang ist rund und volu­minös, gle­ichzeit­ig, bei Solostellen, trans­par­ent. Diese Sound­dis­po­si­tion kommt Baren­boim in seinem neuen Brahms-Zyk­lus – einen ersten hat­te er mit dem Chica­go Sym­pho­ny Orches­tra 1993 einge­spielt, 2006 veröf­fentlicht – ent­ge­gen: Sein Orch­esterk­lang ist von sat­ten Stre­ich­ern mit blühen­den Kan­tile­nen, ins­beson­dere in den langsamen Sätzen, und von glutvoller Wärme in Cel­li und Bässen geprägt.
Immer wieder betören die exquis­iten Holzbläs­er, seien es die ersten Stim­men von Oboe, Flöte oder Klar­inette wie auch das Holzbläser­reg­is­ter im Zusam­men­klang: Die Ein­leitungstak­te in den Andante-Sätzen der drit­ten und vierten Sin­fonie zählen zu den Höhep­unk­ten der Gesamtein­spielung. Doch auch die samtene Grundierung und die exponierten Soli der Horn­gruppe seien her­aus­gestellt. Sehr schön gelingt das Verzah­nen der Stim­men, das Her­auswach­sen aus dem Tut­ti zu führen­den Lin­ien, das organ­is­che Gegeneinan­der­stellen von Orch­ester­grup­pen – die Staatskapelle zeigt sich hier auf höch­stem Niveau.
Was in Baren­boims Inter­pre­ta­tion neben dem mehr schlanken denn opu­len­ten Sound, neben ein­er ger­adezu kam­mer­musikalis­chen Grun­de­in­stel­lung auf­fällt: Die Tem­pi sind gemessen, der Duk­tus eher gewichtig denn lei­den­schaftlich vor­wärt­streibend. Trotz­dem zer­fällt nichts. Der Diri­gent musiziert die sin­fonis­chen Blöcke zwar fein aus, hat aber, etwa im Ein­leitungssatz der vierten Sin­fonie, immer den großen Span­nungs­bo­gen im Blick. Nur gele­gentlich wün­scht man sich mehr pas­sion­a­to, weniger sostenu­to, Dies sind jedoch nur wenige Momente ein­er ins­ge­samt überzeu­gen­den Gesamtein­spielung.
Es ist keine gleißende Hochglanz-Pro­duk­tion wie bei dem Pen­dant aus Chica­go. Aber trotz­dem: Baren­boim präsen­tiert mit der Staatskapelle Berlin einen detail­re­ichen Brahms mit kul­tiviertem Klang, präzisem Rhyth­mus und bezwin­gen­der For­mdis­po­si­tion.

Wolf­gang Bir­tel