Dentler, Hans-Eberhard

Johann Sebastian Bachs “Musicalisches Opfer”

Musik als Abbild der Sphärenharmonie

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2008
erschienen in: das Orchester 03/2012 , Seite 74

Nach sein­er Wiederveröf­fentlichung im 19. Jahrhun­dert galt Bachs Musi­calis­ches Opfer zunächst als Kom­pi­la­tion kun­stvoller Einzel­teile, nur ver­bun­den durch das „königliche The­ma“, das Friedrich II. Bach bei dessen Besuch im Pots­damer Stadtschloss aufge­tra­gen hat­te. Gle­ich­wohl gab es wieder­holt Ver­suche, dem Werk eine sin­nvolle Ord­nung zu geben. Mit dem Erscheinen der Neuen Bach-Aus­gabe 1976 wur­den die Gren­zen des bis dahin Möglichen aufgezeigt.
Hans-Eber­hard Dentler, der Her­aus­ge­ber der vor­liegen­den Par­ti­tur, untern­immt einen neuen Anlauf, das Mate­r­i­al zu ord­nen und umfassend zu deuten. Im Vor­wort ver­weist er auf seine 2008 im gle­ichen Ver­lag erschienene Studie. Dort zeigt er, wie die drei Einzel­teile des Orig­i­nal­drucks (drei Faszikel mit Ein­la­gen) in der richti­gen Weise zusam­menge­fügt eine sym­metrische Dis­po­si­tion ergeben. Er nimmt Bezug auf die Begriffe „Musi­ca humana“, „Musi­ca instru­men­tal­is“ und „Musi­ca mun­dana“ des spä­tan­tiken Philosophen Boethius und ord­net sie den drei Faszikeln zu. Die Sym­bo­l­ik der Zahl „sechs“ führt zu dem Werk „Har­mon­ices mun­di“ von Johannes Kepler, der die Lehre des Kopernikus (die sechs damals bekan­nten Plan­eten umkreisen die Sonne) in einen ganzheitlichen Kon­text von Astronomie, The­olo­gie und Musik einord­net, gipfel­nd in der Auf­forderung an die Kom­pon­is­ten, diese Idee in ein­er sechsstim­mi­gen Par­ti­tur darzustellen. Ob König Friedrich, der Wid­mungsträger, ein erk­lärter Anhänger der Lehre des Kopernikus, diesen Zusam­men­hang – wenn er denn beste­ht – gewollt oder gese­hen hat, ist fraglich, erin­nerte er sich doch in späteren Jahren irrtüm­lich an eine acht­stim­mige Fuge.
Das Musi­calis­che Opfer gilt heute als Jahres­beitrag Bachs für die „Cor­re­spondierende Soci­etät der musikalis­chen Wis­senschaften“ des Bach-Schülers Lorenz Mizler, und in diesem Zusam­men­hang gewin­nen Dentlers The­sen an Plau­si­bil­ität. Keplers Gedanken wur­den von führen­den Musik­the­o­retik­ern und Pub­lizis­ten wie Wer­ck­meis­ter, Walther (ein Vet­ter Bachs) und Matthe­son aufge­grif­f­en und in den Kor­re­spon­den­zen der Soci­etät disku­tiert. Wenn dies nicht öffentlich geschah, so gab es hier­für triftige Gründe: In Polen, wo Mizler lebte, war die Lehre des Kopernikus ver­boten, und gelehrte katholis­che Geistliche, die zur Soci­etät gehörten, kon­nten sich nur im Ver­bor­ge­nen mit „ket­zerischen“ Ideen befassen.
Weit über die bish­eri­gen Fest­stel­lun­gen hin­aus beobachtet Dentler das Werk und seine Quellen bis in die allerkle­in­sten Details, deutet sie und inte­gri­ert sie in einen umfassenden Ideenkon­text. Auch wer seinen Fol­gerun­gen nicht oder nicht voll­ständig zus­tim­men mag, wird mit ausufer­n­der Gründlichkeit in das weltan­schauliche Span­nungs­feld einge­führt, in dem Bachs Spätwerk ent­stand.
Die nun vorgelegte Par­ti­tur soll die gewonnenen Erken­nt­nisse für die Prax­is nutzbar machen. Hier nun sind einige Vor­be­halte gel­tend zu machen. Die Forderung, als Con­tin­uo-Instru­ment wegen des – nach Mei­n­ung des Her­aus­ge­bers – im Werk­ti­tel begrün­de­ten sakralen Charak­ters eine Orgel einzuset­zen, geht nicht nur deshalb fehl, weil es Belege für die Ver­wen­dung des Cem­ba­los in der Kirche gibt. Die Gen­er­al­bas­saus­set­zung ist oft nur zwei- oder dreis­tim­mig gehal­ten und beschränkt sich auf das Aller­notwendig­ste. Die zwangsläu­fig auftre­tenden Par­al­le­len zu den Melodi­es­tim­men der Triosonate sind zwar kein grund­sät­zlich­es Prob­lem, kön­nen aber, auf der Orgel gespielt, in einem ger­ingstim­mi­gen Satz unangemessen her­vortreten. Hier wäre zu bedenken, dass aus dem Umkreis des Bach-Schülers Kirn­berg­er vier­stim­mige Gen­er­al­bas­saus­set­zun­gen existieren. Die beste hier­von wurde im Anhang der alten Bach-Aus­gabe wiedergegeben (die Neue Bach-Aus­gabe bringt nur den 3. Satz). Eine andere Aus­set­zung – mit der genan­nten im drit­ten Satz iden­tisch – ist an vie­len Stellen man­gel­haft, aber als einzige in ein­er Neuaus­gabe greif­bar (Hen­le).
Prob­lema­tisch ist die Aus­führung des Ricer­care a 3 mit Stre­ichtrio. Der Ton­um­fang von Bratsche (bis b”) und Cel­lo (bis c”) ist stilis­tisch und klan­glich nicht zu recht­fer­ti­gen; die Anweisung, die c‑Saite der Bratsche während eines fünf Vier­tel lang gehal­te­nen g auf H herab zu stim­men, ist befremdlich. Die am Ende wiedergegebene Klavier­fas­sung lässt keinen Zweifel, für welch­es Instru­ment dieser Satz bes­timmt ist.
Für zwei der zehn Kanons hat Bach die Instru­men­talbe­set­zung fest­gelegt, die übri­gen Entschei­dun­gen traf der Her­aus­ge­ber. Ungewöhn­lich ist die Beset­zung des Kanon a 4: Die Stre­ichquar­tettstim­men wer­den ergänzt um eine Flöte, die alle tiefen Töne auszu­lassen hat, dazu eine Orgel zur Ver­dop­pelung der Mit­tel­stim­men sowie Fagott und Vio­lone für den Bass.
Die Auflö­sun­gen der Rät­selka­nons fol­gen der Neuen Bach-Aus­gabe, nur zu dem erwäh­n­ten Kanon a 4 erscheint die „bass­lastige“ Ver­sion der alten Bach-Aus­gabe und als Alter­na­tive eine Auflö­sung von Francesco
Finot­ti.
Die Beset­zung des Ricer­care a 6 ori­en­tiert sich prag­ma­tisch am geforderten Ton­um­fang. Die hohe Lage des ersten Cel­los ist nicht zu ver­mei­den, eben­so wenig der Ein­satz von Fagott und Vio­lone für den zweit­en Bass. Da kein wirk­lich aus­ge­wo­genes Instru­men­tal­ensem­ble für diesen Satz ver­füg­bar ist, kön­nte der Ein­satz der Orgel am ehesten angemessen sein.
Mit sein­er Studie hat Hans-Eber­hard Dentler wichtige Denkanstöße gegeben, auch wenn vieles nicht beweis­bar ist und manch­es über­in­ter­pretiert erscheint. Seine Par­ti­tu­raus­gabe kann uns bei der Suche nach den wirk­lichen Absicht­en Bachs nur bed­ingt weit­er­helfen. „Quaeren­do inve­ni­etis!“ Dieses Mot­to über einem der Rät­selka­nons sollte uns Mut machen weit­er zu suchen, auch wenn gefun­dene Lösun­gen nicht den Anspruch erheben kön­nen, als unum­stößliche Wahrheit­en zu gel­ten.
Jür­gen Hinz