Reiner Marquard/Meinrad Walter

Johann Sebastian Bach. Matthäus-Passion

Reihe „Wort/Werk/Wirkung“

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Carus
erschienen in: das Orchester 10/2020 , Seite 60

Büch­er zur „großen Pas­sion“ von Johann Sebas­t­ian Bach, der nach dem Evan­ge­lis­ten Matthäus, gibt es eine ganze Rei­he. Natür­lich ist auch die musik­wis­senschaftliche Bib­li­ografie zu der Pas­sion immens, von Ton­trägern ganz zu schweigen, in deren Book­lets auch immer wieder bemerkenswerte Beiträge zu find­en sind. Kurzum: Die Lit­er­atur zu diesem epochalen Werk der Musik-, ja der Men­schheits­geschichte ist gew­al- tig. Es gibt ja auch viel zu bedenken bei dieser Ver­to­nung der Lei­dens­geschichte Jesu – und das kann bei solch textbe­zo­gen­er Musik ja nicht nur Aspek­te von Har­monielehre und Ton­satz betr­e­f­fen. Textbezug heißt bei Bachs geistlichen Vokalw­erken immer Bibel­bezug, also spielt zum Ver­ständ­nis ger­ade auch der Matthäus­pas­sion die lutherische The­olo­gie der Zeit eine wesentliche Rolle.
Der vor­liegende Band wurde deshalb nicht zufäl­lig von der Deutschen Bibelge­sellschaft und dem Stuttgarter Carus-Ver­lag in deren neuer Rei­he „Wort/Werk/Wirkung“ vorgelegt. In ansprechen­der äußer­er Auf­machung mit vie­len Abbil­dun­gen wer­den mit diesen Werk­mono­grafien vielfältige Zwecke erfüllt. Sie stellen das Werk vor, lassen es auf ein­er MP3-CD in ein­er vorzüglichen neuen Auf­nahme aus dem Carus-Kat­a­log hören, brin­gen umfan­gre­iche Doku­mente zur Rezep­tion­s­geschichte – und einen einge­hen­den Beitrag zur Botschaft der Werks.
Der katholis­che The­ologe und Musik­wis­senschaftler Mein­rad Wal- ter hat in den ver­gan­genen Jahren schon eine ganze Rei­he nach­haltiger und vor allem ver­ständlich­er Beiträge zu den großen geistlichen Werken der Musikgeschichte, vor allem denen von Bach, ver­fasst. Er ist der Her­aus­ge­ber der Rei­he und des vor­liegen­den Ban­des. Dieser bie- tet eine kom­pak­te, sehr infor­ma­tive und lebendig geschriebene Werke­in­führung und zeich­net mit vie­len Zitat­en die Wirkungs­geschichte der Matthäus­pas­sion nach. Dabei kom­men nicht nur Musik­er zu Wort, son­dern auch Schrift­steller, Philosophen, The­olo­gen oder Poli­tik­er.
Viel Raum nehmen Doku­mente zur Berlin­er Wieder­auf­führung der Pas­sion 1829 unter Mendelssohn ein. Aber auch Aus­sagen von Chore­ograf John Neumeier und Regis­seur Peter Sel­l­ars, denen bedeu­tende the­atralis­che Deu­tun­gen des Werks gelun­gen sind, fehlen nicht.
Im Zen­trum der Pub­lika­tion aber ste­ht unter dem Titel „Das gehet mein­er Seele nah“ eine bib­lisch-the­ol­o­gis­che Erschließung des Lib- ret­tos des Freiburg­er The­olo­gen Rei- ner Mar­quard. Der sehr sub­stanziel- le und erhel­lende Text erfüllt eine für das Ver­ständ­nis dieses Werks höchst wichtige Auf­gabe: Er macht mit der geistlichen Gedanken­welt des Leipzigs der ersten Hälfte des 18. Jahrhun­derts ver­traut, die uns heute fremd ist, ohne deren Ken­nt­nis aber Bachs Kirchen­musik und nicht zulet­zt ein Werk wie die Matthäus­pas­sion nicht angemessen zu begreifen ist.
Die CD-Auf­nahme stammt von Frieder Bernius mit seinem Kam­mer­chor und Barock­o­rch­ester Stuttgart und zählt zu den besten Inter­pre­ta­tio­nen aus jüng­ster Zeit – vor allem durch ihre Tiefe im Aus­druck, was gut zur Gesamt­in­ten­tion dieses lohnen­den Buchs passt.

Karl Georg Berg