Ted Gioia

Jazz hören, Jazz verstehen

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Henschel/Bärenreiter
erschienen in: das Orchester 01/2018 , Seite 64

Für Jazz-Novizen, für diejeni­gen also, die noch wenig ver­traut sind mit Wesen und Wirkung des Jazz, ist dieses Buch genau das Richtige. Denn sein Autor macht darin ein dur­chaus beson­deres Ange­bot: Ted Gioia – aus­ge­bilde­ter Jaz­zpi­anist, Musik­wis­senschaftler und renom­miert­er amerikanis­ch­er Jaz­zjour­nal­ist – legt hier eine Art Han­dre­ichung, einen Leit­faden für das Hören von Jazz vor. In Annäherun­gen aus immerzu wech­sel­nder Per­spek­tive wer­den da typ­is­che musikalis­che Merk­male und Facetten des Jazz gekennze­ich­net, aus denen Gioia sodann Kri­te­rien gewin­nt, die dem Hören im Detail Ori­en­tierung geben.Ausgehend vom „Geheim­nis des Rhyth­mus“ und dem „Swing“ zwis­chen den Musik­ern in ein­er Band will die Lek­türe über Aspek­te wie Phras­ing, Gestal­tung von Ton­höhe, Klang­farbe und Dynamik hine­in­führen in das „Innere der Musik“, hin zu Spon­taneität und Impro­vi­sa­tion. Nicht zulet­zt find­en sich in den Aus­führun­gen solcher­maßen auch Hin­weise darauf, wie die heik­le Frage nach dem Unter­schied zwis­chen „gutem“ und „schlechtem“ Jazz zu beant­worten sei. (Ein­schränk­end ist allerd­ings anzumerken, dass die Über­tra­gung ins Deutsche den Ton­fall des Orig­inal­textes hier und da nicht angemessen einz­u­fan­gen ver­mag, was denn mitunter auch zu manch plat­titü­den­haft wirk­ender Aus­sage führt.)
Neben zahlre­ichen konkreten Hörempfehlun­gen (repräsen­ta­tive Ein­spielun­gen zunächst ent­lang der aus­ge­führten Kri­te­rien, weit­er­hin dann auch nach Stilen und Musik­er­per­sön­lichkeit­en) ver­mit­telt der Autor in kom­pak­ter Darstel­lung einen Überblick zu stilgeschichtlichen Entwick­lungslin­ien (vom New Orleans Jazz bis zu Jazz Fusion und Neok­las­sizis­mus) und führt zudem in den struk­turellen Auf­bau aus­gewählter Jaz­zkom­po­si­tio­nen ein (32-tak­tige Song- bzw. 12-tak­tige Blues­form und deren Vari­anten). Wobei es sich Gioia ob der Solid­ität seines Erfahrungss­chatzes leis­ten kann, immer wieder sowohl per­sön­lich geprägte Auswahlentschei­dun­gen zu tre­f­fen als auch wer­tende Ein­schätzun­gen vorzunehmen – etwa im Rah­men der zahlre­ichen Hörempfehlun­gen und der im Anhang präsen­tierten Zusam­men­stel­lung „Die Elite – 150 Jazzmeister“.Abschließend wer­den wesentliche „Jazz-Neuer­er“ (von Louis Arm­strong bis Ornett Cole­man) in ihrer Bedeu­tung als Inter­pre­ten porträtiert und im Kapi­tel „Jaz­zhören heute“ vier aktuelle kat­e­go­ri­ale Kräfte iden­ti­fiziert, die den Jazz wohl auch in sein­er zukün­fti­gen Entwick­lung bes­tim­men: Glob­al­isierung, Hybri­disierung, Pro­fes­sion­al­isierung und Verjüngung.Ein Jazz-Buch der etwas anderen Art also. Eines, dessen Lek­türe lohnt, weil es ken­nt­nis­re­ich und begeis­ternd zugle­ich ermuntert zum genauen, zum unvor­ein­genomme­nen, ver­ständi­gen und inten­siv­en Erleben von Musik – hier: zum Jazz-Hören.
Gun­ther Diehl