Herbert Hellhund

Jazz

Harmonik, Melodik, Improvisation, Analyse

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Reclam
erschienen in: das Orchester 01/2019 , Seite 61

Der vor­liegende Band – wenn auch nicht expliz­it als Lehrgang angelegt – eröffnet einen genau­so anspruchsvollen wie anwen­dungs­be­zo­ge­nen Ein­stieg in das Analysieren von Jazz, hier ins­beson­dere der Impro­vi­sa­tion als seinem her­vor­ra­gen­den Prax­is­merk­mal. Auf die Frage danach, wie die rasend schnelle Find­ung und bruchlose Umset­zung musikalis­ch­er Ideen in Impro­vi­sa­tion über­haupt möglich sei und wodurch der Ein­druck eines inneren Zusam­men­hangs bei fortwährend spon­tan gener­ierten Ideen entste­hen könne, weiß Her­bert Hell­hund in sein­er Darstel­lung erhel­lende Antworten zu geben: Zum einen stellen die ein­führen­den Kapi­tel in denkbar konzen­tri­ertem Duk­tus zusam­men, was als Wis­sens-Fun­da­men­tum, als ana­lytis­ches Rüstzeug in Sachen musikalis­che Para­me­ter, Skalen, Akko­rde und jaz­zhar­monis­che Grund­la­gen (dif­feren­ziert nach Jaz­zstilen) gel­ten kann. Zum anderen präsen­tiert das zen­trale Kapi­tel „Struk­tur­mit­tel der Impro­vi­sa­tion: Konzepte und Mate­ri­alien“ ein anre­gungsre­ich­es Spek­trum sehr konkreter Impro­vi­sa­tion­sstrate­gien.
Aus­ge­hend von ein­er Begriffs­de­f­i­n­i­tion – Impro­vi­sa­tion als Rück­griff auf Inhalte des musikalisch-motorischen Gedächt­niss­es im Sinne neu­ro-muskulär­er Reak­tion­s­muster – sowie einem (aus der Sprache abgeleit­eten) drei­di­men­sion­alen Mod­ell musikalis­ch­er Dekla­ma­tion wer­den dort in sys­tem­a­tis­ch­er Zusam­men­schau vielfältige Möglichkeit­en und Ver­fahren für die Gestal­tung von Impro­vi­sa­tion vorgestellt: (in exem­plar­isch­er Auswahl) zunächst kreatives Arbeit­en mit Skalen- und Akko­rd­ma­te­r­i­al (beispiel­sweise „Skalen tar­nen“ durch rhyth­misch-inter­val­lis­che Durch­brechung); sodann Prinzip­i­en und Konzepte melodis­ch­er Entwick­lung (z.B. Addi­tions-/Sub­strak­tionsver­fahren bzw. rhyth­misch-metrische Über­lagerung und Ver­schiebung); und schließlich Ver­ket­tung von Bausteinen sowie interne Logik in der Gestal­tung von Jazz Lines (u.a. Akzen­tu­ierungsab­stu­fun­gen, positive/negative Akzente, lin­ear-schrit­tweise Verknüp­fung).
Weil aber viele gute Details noch nicht das Gelin­gen des Ganzen garantieren, unter­stre­icht der Autor zusam­men­fassend den Stel­len­wert impro­vi­sa­tions-dra­matur­gis­ch­er Pla­nung für eine fes­sel­nde Gesam­taus­sage: kon­trastre­ich­es, sinns­tif­ten­des Wech­sel­spiel der Ideen, Impro­visieren als Geschicht­en­erzählen (gemäß dem berühmten Lester-Young-Cre­do: „Tell a Sto­ry!“). Ver­voll­ständi­gend macht eine ganze Rei­he von Impro­vi­sa­tion­s­analy­sen aus dem Bere­ich des Mod­ern Jazz dor­tige Mit­tel und Ver­fahren der melodis­chen Struk­turierung (etwa Konzept der „for­mu­la­ic impro­vi­sa­tion“ in Soli Char­lie Park­ers) nachvol­lziehbar.
Faz­it: Ter­mi­nol­o­gis­che Klärung und Prax­is-Anleitung, Ver­mit­tlung musik­the­o­retis­ch­er Grund­la­gen und hochkom­plexe Analy­sen – höchst überzeu­gend das eine wie das andere. Und – ohne dass damit das Faszi­nosum entwertet, das Unein­hol­bare jed­er gelin­gen­den Impro­vi­sa­tion einge­holt würde – es will dies alles ver­standen sein als Voraus­set­zung für „wis­sendes“ Hören und „ganzheitlich­es“ Ver­ste­hen von Jazz respek­tive Gestal­ten eigen­er Impro­vi­sa­tion. Uneingeschränk­te Lek­türe-Empfehlung also für Jazz-Hörende und Jazz-Prak­tizierende gle­icher­maßen.
Gun­ther Diehl