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Antje Rößler

Italiens nördlichstes Opernhaus“

Die Opéra Royal de Wallonie im belgischen Lüttich präsentiert eine neue Doppelspitze

Rubrik: Zwischentöne
erschienen in: das Orchester 9/2022 , Seite 40

Zuerst läuft ein aufwändi­ger Werbespot des Opern­haus­es – Hochglan­za­uf­nah­men und mitreißende Rossi­ni-Klänge. Dazu passt die edle, hun­dert­seit­ige Pressemappe. Nicht zulet­zt macht der Ort dieser Pressekon­ferenz etwas her: Die „Königlich Wal­lonis­che Oper“ aus dem bel­gis­chen Lüt­tich hat nach Berlin in die bel­gis­che Botschaft geladen.
Der Anlass recht­fer­tigt solchen Glanz, ist doch die Opéra Roy­al de Wal­lonie, salopp ORW abgekürzt, in Feier­laune. Die Pan­demie hat­te die Jubiläumsspielzeit stark beschnit­ten, weshalb erst jet­zt so richtig die Sek­tko­rken zum 200-jähri­gen Beste­hen des 1820 gegrün­de­ten Opern­haus­es knallen.
Außer­dem präsen­tiert sich in Berlin die neue Leitung des Haus­es: eine „ital­ienis­che Dop­pel­spitze“ mit dem neuen Chefdiri­gen­ten Giampo­lo Bisan­ti sowie Ste­fano Pace als Inten­dan­ten. Die Auss­chrei­bung des Inten­dan­ten­postens wurde vor­fristig notwendig, da Paces Vorgänger Ste­fano Maz­zo­nis di Pralafera im Feb­ru­ar 2021 verstarb.
In Berlin mod­erierte der Musikkri­tik­er Manuel Brug die Ver­anstal­tung. Zunächst stellt er Ste­fano Pace vor, der im Okto­ber 2021 mit der Inten­danz auch die kün­st­lerische Leitung in Lüt­tich über­nom­men hat. Pace ist von Haus aus Architekt. Er hat für The­ater und Opern in aller Welt als Büh­nen­bild­ner gear­beit­et. Seit 2015 ist er zudem Gen­er­al­in­ten­dant des „Teatro Liri­co Giuseppe Ver­di“ im nordi­tal­ienis­chen Triest.
Das Opern­haus in Lüt­tich wurde 1820 eröffnet und ist damit sog­ar ein paar Jahre älter als der bel­gis­che Staat selb­st. Das Bau­grund­stück stellte König Wil­helm von Oranien zur Ver­fü­gung, zu dessen Reich Lüt­tich damals gehörte. Die Eröff­nung des Haus­es ging mit ein­er pop­ulären Bal­let­top­er von André-Ernest-Mod­este Grétry über die Bühne, der aus Lüt­tich stammt. Auf dem Platz vor dem Opern­haus ste­ht eine Grétry-Stat­ue, in deren Sock­el das Herz des Kom­pon­is­ten bestat­tet ist.
1852 ging die Oper in kom­mu­nales Eigen­tum über. For­t­an nah­men die Kohle- und Stahlbarone der damals schw­er­re­ichen Indus­tri­es­tadt in den Logen Platz.
Heute lässt Lüt­tichs Opern­haus, das sich in bester Innen­stadt­lage befind­et, keine Wün­sche offen. Die klas­sizis­tis­che Fas­sade ist geblieben; eben­so Samt und Plüsch im The­ater­saal mit seinen rund tausend Sitz­plätzen. Hin­ter den Kulis­sen schnur­rt mod­ern­ste Tech­nik, wurde doch das Haus bis 2012 gen­er­al­saniert und spek­takulär aufge­stockt. Die Lamel­len­fas­sade eines auf den Alt­bau geset­zten Kubus ver­birgt Proben­räume, Werk­stät­ten und Büros.
Die Opéra Roy­al de Wal­lonie ist eines von drei Opern­häuser Bel­giens, neben La Mon­naie in Brüs­sel sowie den bei­den Stan­dorten der Flämis­chen Oper in Antwer­pen und Gent. Seit 2007 pflegte der langjährige Inten­dant Ste­fano Maz­zo­nis di Pralafera eine aus­ge­sproch­ene Ital­ian­ità an der Wal­lonis­chen Oper, die auch schon als „das nördlich­ste Opern­haus Ital­iens“ beze­ich­net wurde. „Damit hat man sich aber auch ein Alle­in­stel­lungsmerk­mal unter den bel­gis­chen Opern­häusern erar­beit­et“, stellt Manuel Brug fest. „Die anderen bei­den fol­gen eher dem deutschen Regietheater-Stil.“
Die Oper in Lüt­tich bringt Stag­gione-Pro­duk­tio­nen auf die Bühne, für die jew­eils Gast-Gesangssolis­ten ein­ge­laden wer­den. Ein eigenes Solis­ten-Ensem­ble existiert nicht. Das eigentliche Herz dieses Haus­es sind also das Oper­norch­ester und der Chor.
Neuer Chefdiri­gent ist der Mailän­der Giampo­lo Bisan­ti. Er fol­gt auf Sper­an­za Scap­puc­ci, die ihren im Som­mer 2022 aus­laufend­en Ver­trag nicht ver­längerte. Bisan­ti ist seit 2016 Musik­direktor im südi­tal­ienis­chen Bari und gastiert an renom­mierten Häusern. In der Wal­lonis­chen Oper hat er in den ver­gan­genen Jahren bere­its bei drei Insze­nierun­gen im Graben gestanden.
Lüt­tich befind­et sich im Einzugs­bereich von Frankre­ich, Lux­em­burg, Deutsch­land und Hol­land. Dem Pub­likum von außer­halb wird der Opernbe­such leicht gemacht, lässt sich doch das Geschehen auf der Bühne mit Über­titeln in vier Sprachen ver­fol­gen: Franzö­sisch, Nieder­ländisch, Deutsch und Englisch.
In Berlins bel­gis­ch­er Botschaft hat man sich auch einge­fun­den, weil man mehr Besuch­er aus Deutsch­land anlock­en will. „Lüt­tich liegt nahe der deutschen Gren­ze. Fünf Prozent unseres Pub­likums kom­men aus Deutsch­land“, sagt der Inten­dant Ste­fano Pace, der Koop­er­a­tio­nen mit deutschen Häusern plant. „Wir wollen unser Reper­toire erweit­ern und in Zukun­ft auch das eine oder andere Werk der deutschen Opern­tra­di­tion auf die Bühne brin­gen“, so Pace. In der gegen­wär­ti­gen Spielzeit, die über­wiegend von Paces Vorgänger geplant wurde, komme das aber noch nicht zum Tragen.
Den Saisonauf­takt machte Ende August ein Inter­na­tionaler Wet­tbe­werb für Operndiri­gen­ten, den die Oper Lüt­tich 2017 lanciert hat. Alle Run­den find­en öffentlich statt. Anschließend ste­hen 2022/23 neun Insze­nierun­gen auf dem Pro­gramm, die jew­eils rund zehn Tage laufen. Den Anfang macht ab 20. Sep­tem­ber Lak­mé – also indisch-exo­tis­ch­er Stoff mit Musik des franzö­sis­chen Roman­tik­ers Léo Delibes. „Dafür haben wir das Bal­lett aus Kiew ein­ge­laden“, erzählt Ste­fano Pace. „Das bleibt nun eine Leer­stelle; wir woll­ten es nicht ersetzen.“
Ende Okto­ber darf sich das Haus mit Rossi­nis Il Tur­co in Italia, ein­er großen und aufwän­digen Pro­duk­tion, in einem Kraftakt beweisen. Ende Novem­ber läuft als Kopro­duk­tion mit dem Nation­althe­ater von Peru das Inka-Dra­ma Alzi­ra, das Diri­gent Bisan­ti als eine der „sel­tensten und besten Ver­di-Opern“ beze­ich­net; Regie führt der Peru­an­er Jean Pierre Gamar­ra. Im näch­sten Jahr fol­gen dann unter anderem: Ham­let als große franzö­sis­che Oper von Ambroise Thomas, Bel­can­to-Opu­lenz mit Francesco Cileas Adri­ana Lecou­vreur, die Ver­di-Rar­ität I Lom­bar­di alla pri­ma cro­ci­a­ta sowie Fran­cis Poulencs Dia­logues des Car­mélites, ein Klas­sik­er des 20. Jahrhunderts.
Außer­dem gibt es hochkarätig beset­zte konz­er­tante Auf­führun­gen: Am 5. Novem­ber kommt Plá­ci­do Domin­go zu einem Galakonz­ert. Am 28. Novem­ber geht Mozarts La Clemen­za di Tito konz­er­tant über die Bühne; mit Cecil­ia Bar­toli in der Rolle des Sesto.