Walter-Wolfgang Sparrer

Isang Yun

Leben und Werk im Bild

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Wolke
erschienen in: das Orchester 10/2020 , Seite 62

Dieser opu­lente Band gehört schon jet­zt zu den schön­sten Büch­ern dieses Jahres. Er begin­nt und endet mit jew­eils ein­er sepi­amys­tis­chen Zeich­nung in kore­anis­chem Stil: eine kleine Pagode in ver­wun­sch­enen Bergen, eine Land­schaft voller rät­sel­hafter Tiere. Dazwis­chen blät­tert das Buch ein Leben und ein Werk zwis­chen Tra­di­tion und Mod­erne auf: das Isang Yuns.
Als „deutsch­er Kom­pon­ist kore­anis­ch­er Herkun­ft“ wird der 1917 im japanisch beset­zten Korea Geborene meist in Lexi­ka beze­ich­net. Wieviel mehr hin­ter diesem Etikett steckt, zeigt der vom Vor­sitzen­den der Yun-Gesellschaft her­aus­gege- bene Band auf. Spar­rer erfuhr von Yun aus deutschen Zeitun­gen (die natür­lich repro­duziert sind), von Spi­onagevor­wurf und Folter. „Er fing 1957 in Berlin von vorne an, wurde deutsch­er Staats­bürg­er, in seine Heimat führte kein Weg zurück“, so Spar­rer.
Zwölfton-Tech­nik (die er beim Schön­berg-Schüler Josef Rufer studierte) und Tra­di­tio­nen Ostasiens mis­chen sich – in Yuns Werk sowie in dem ihm gewid­me­ten Buch, das dreis­prachig ist. Kurze Texte informieren und ver­führen zum Weit­erbeschäfti­gen. Noten­beispiele, auf großes For­mat gezo­gen (das die Buchaus­maße bes­timmte), dazu hand­schriftliche Erläuterun­gen des Kom­pon­is­ten faszinieren. Unbe­d­ingt muss hier der Gestal­ter Michael Pickardt genan­nt wer­den, der den Schauw­ert maßge­blich bes­timmt hat.
Verblich­ene Fotos wech­seln mit tem­pera­mentvoll-bun­ten Masken­spie­len, Szenen­bilder aus Yuns Musik­the­ater­w­erken (etwa “Geis­ter­liebe” mit Martha Mödl als Schamanin, uraufge­führt 1971, das Jahr, in dem er die deutsche Staat­sange­hörigkeit annahm) kom­men mit knochen­trock­en­er Parteipro­pa­gan­da (die Yun gegen Süd­ko­rea auszus­pie­len suchte) zusam­men.
Schon das sorgfältige, deutsch-englisch-kore­anis­che Inhaltsverze­ich­nis lässt den Lebensweg erah­nen, der dann an einzel­nen Facetten erläutert wird. Auch der Hin­weis auf Luise Rin­sers Gespräche mit dem Kom­pon­is­ten, erschienen als “Der ver­wun­dete Drache”, find­et sich.
Das Buch erset­zt wed­er eine Biografie noch eine Werkgeschichte (die auch deshalb schwierig wäre, weil Yuns Nach­lass ver­schlossen, die Archive ohne Erk­lärungsver­suche sein­er Kom­po­si­tio­nen sind). Aber es ver­lockt, in dieses vielfältige Werk einzu­tauchen: Musik­the­ater, Monologe, Solokonz­erte, Märchen, Para­beln, Kam­mer­musik find­en sich, immer im Span­nungs­feld von Bud­dhis­mus, Tao­is­mus und Kon- fuzian­is­mus. „Seine Musik ist hochar­ti­fiziell, von ungewöhn­lichem Schwierigkeits­grad, bringt his­torisch Neues in die west­liche Kam­mer­musik“, beschreibt Spar­rer, „sie braucht ein Ver­ständ­nis der Grundlin­ien und über­ge­ord­neten Zusam­men­hänge.“
Ent­standen aus ein­er Ausstel­lung zu Isang Yuns 100. Geburt­stag, ist es ein schw­ergewichtiges, optisch sehr reizvolles Buch gewor­den. Es lässt sich­er etliche Fra­gen offen, macht aber Lust, sich auf die Suche nach den Antworten zu machen.

Ute Grund­mann