Kishino, Malika

Irisation

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo WER 6411 2
erschienen in: das Orchester 11/2014 , Seite 73

Laut Duden bedeutet das aus dem Griechis­chen stam­mende Wort „irisieren“: in Regen­bo­gen­far­ben schillern. Iri­sa­tion ist also ein Phänomen optis­ch­er Art – eine Ober­fläche erscheint bei verän­dert­er Per­spek­tive in anderen Far­ben. Das Ander­s­far­bige, schillernd-vib­ri­erend Optis­che, die Brechung des Lichts benutzt Mali­ka Kishi­no für akustis­che Phänomene, in dem sie gle­ich­sam ihre durch­dacht­en und niedergeschriebe­nen Klangvorstel­lun­gen in den Far­ben des Regen­bo­gens vari­ierend in die Obhut des Pub­likums gibt.
Mali­ka Kishi­no demon­stri­ert an ihren fünf aufgenomme­nen Stück­en, die für ganz unter­schiedliche Beset­zun­gen geschrieben wur­den, wie sich einzelne Klang­far­ben­par­tikel übere­inan­der schieben oder wie kleine Struk­tur­phrasierun­gen sich aus der jew­eils vorheri­gen entwick­eln und formieren. In Rayons Cré­pus­cu­laires, ent­standen in den Jahren 2007 bis 2008, dominiert eine Große Trom­mel über ein „großes Ensem­ble in drei Grup­pen“ und Achtkanal-Live-Elek­tron­ik (Klan­gregie: Max Bruck­ert). Die Musik lässt sich als Natur­ereig­nis deuten, das nicht nur die Far­ben des Regen­bo­gens über­mit­telt, son­dern ver­schiedene Phänomene wie Don­ner, Regen, Blitz auf­greift und wie ein „Sound-Art“-Hörspiel ver­ar­beit­et. Die durch das Ensem­ble Musik­fab­rik intonierten Klänge illus­tri­eren ein optis­ches Rät­sel: Die Sonne, die hin­ter Wolken verdeckt ist, sendet Strahlen aus, die fächer­ar­tig den Him­mel aufhellen. Die daraus entste­hen­den Lichtver­hält­nisse vari­ieren in unglaublich großer Band­bre­ite, die Kishi­no musikalisch mit den Mit­teln der Tonz­er­legung und ‑separierung darstellt.
Mono­chromer Garten II, 2011 kom­poniert und vom Parkhaus Trio (Ernesto Moli­nari, Bassklar­inette; Mar­cus Weiss, Bari­ton­sax­o­fon; Uwe Dierk­sen, Posaune) gespielt, wieder­holt auf eine andere Weise das Natur­mo­tiv aus Rayons Cré­pus­cu­laires. Kishi­no bet­tet die Klänge des ein­far­bigen Gartens in einen viel größeren Zusam­men­hang ein, näm­lich in den umfassenden Naturkos­mos, der nicht nur Pflanzen, Tiere und Sound bein­hal­tet, son­dern auch das Wech­sel­spiel zwis­chen Licht und Schat­ten, zwis­chen mono­chromen und poly­chromen Far­ben. Kishi­no hielt ihre Klangvorstel­lun­gen in einem Foto fest, das eine nächtliche Win­ter­land­schaft zeigt. ­Fil­igrane und robuste Foto­se­quen­zen drück­en sich in einem laut­stärkemäßig dif­feren­zierten Impe­tus aus, der aus dem Ver­hal­ten der Natur musikalis­che Schlüsse zieht und sie in Klang umset­zt.
Der vom Deutschen Musikrat in der CD-Serie „Edi­tion zeit­genös­sis­che Musik“ veröf­fentlichte Ton­träger enthält fern­er die Stücke Sen­si­tive Chaos, Prayer und Du fir­ma­ment, die für unter­schiedliche Beset­zun­gen (Prayer etwa für gemis­cht­en Chor a cap­pel­la) geschrieben wur­den. Dabei ist allen Kom­po­si­tio­nen das Schillern in Regen­bo­gen­far­ben eigen, wom­it Mali­ka Kishi­no ein sehr eigen­ständi­ges, natur­or­i­en­tiertes und erin­nerungswürdi­ges Kalei­doskop mit dezen­ten Auss­chwei­fun­gen in Geräusch-
sit­u­a­tio­nen gelun­gen ist.
Klaus Hübner