Werke von Schumann, Reimann und Mendelssohn Bartholdy

Intermezzo

Schumann Quartett, Anna Lucia Richter (Sopran)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berlin Classics
erschienen in: das Orchester 12/2018 , Seite 78

Das junge Schumann Quartett hat schon einige bemerkenswerte Veröffentlichungen vorzuweisen, die Streichquartette aus Klassik und Romantik mit zeitgenössischem Repertoire kombinieren. Nun widmen sich Erik Schumann (1. Violine), Ken Schumann (2. Violine), Liisa Randalu (Viola) und Mark Schumann (Violoncello) ihrem prominenten Namensvetter als Impulsgeber eines beziehungsträchtigen Programms zwischen Romantik und Moderne.
Den Ausgangspunkt bildet Schumanns Streichquartett Nr. 1 a-Moll, Beginn eines Gattungs-Trip­tychons, der leider keine Nachfolger mehr hervorgerufen hat. Das Schumann Quartett liefert, insbesondere was die Ecksätze betrifft, eine rhythmisch äußerst pointierte und sehr durchhörbare Lesart, welche die kontrapunktische Anlage des Ganzen sehr schön zur Geltung bringt.
Das Quartett habe sich bewusst Zeit gelassen, bis es mit einer Schumann-Einspielung an die Öffentlichkeit ging, „damit diese Musik erst reifen kann“, weiß das Booklet. Leider gilt dies nicht für die Tempowahl. Vergleichsweise deutlich forcierte Tempi bestimmen nicht nur die schnellen Sätze und Passagen (was durchweg überzeugt), sondern auch das Adagio, dessen lyrische Eindringlichkeit so ein wenig ins Hintertreffen gerät.
Eine Gangart, die sich gottlob nicht fortsetzt in Aribert Reimanns Adagio im Gedenken an Robert Schumann (2006), dessen gedämpfte Melancholie sich an zwei unvollendeten Chorälen Schumanns entzündet hat. Mit konsequenter Härte werden die schneidenden Pizzicati, geräuschhaften Dissonanzen und expressiven Ausbrüche dieser abgründigen Hommage ins Feld geführt.
Neben der umfangreichen Produktion eigener Lieder hat Reimann zahlreiche Liedzyklen des 19. Jahrhunderts bearbeitet. Neben den Ophelia-Liedern von Brahms waren es vor allem Schumanns Sechs Gesänge op. 107, die Reimann 1994 für Sopran und Streichquartett gesetzt und dabei das Wesen der Lieder durch behutsame klangfarbliche „Modernisierungen“ nicht nur bewahrt, sondern in die Gegenwart getragen hat. Das Quartett geht Schumanns ambivalenten Gefühlswelten mit differenzierter, nie übertriebener Expressivität nach und auch Anna Lucia Richter betont – manchmal vielleicht etwas zu liebreizend – insbesondere den volkstümlichen Charakter der Lieder, am wirkungsvollsten im abschließenden „Abendlied“.
Schumann widmete seine Streichquartett-Trias dem bewunderten Felix Mendelssohn Bartholdy. Dessen Gattungspremiere, das Streichquartett Nr. 1 Es-Dur, beschließt dieses anregend kuratierte Programm, noch ganz in der Tradition Beethovens, mit einem geradezu dramatischen Andante espressivo und einem rasend vorwärtstaumelnden Molto allegro e vivace in exemplarischer Expressivität, die der Komposition eines 14-Jährigen jede Jugendwerkhaftigkeit nimmt.
Dirk Wieschollek