Stephanie Klauk (Hg.)

Instrumentalmusik neben Haydn und Mozart

Saarbrücker Studien zur Musikwissenschaft, Bd. 20

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Königshausen & Neumann
erschienen in: das Orchester 1/2022 , Seite 63

Unter dem Begriff der Wiener Klas­sik wer­den all­ge­mein Haydn, Mozart und Beethoven sub­sum­iert. Bedenkt man aber, dass es – ins­beson­dere im Umfeld von Wien – noch zahlre­iche andere Kom­pon­is­ten in dieser zeitlichen Epoche gab, so wird deut­lich, dass der Ter­mi­nus der Wiener Klas­sik weniger als Stil- oder Epochen­be­griff, son­dern vielmehr als eine Art Elite­be­griff für die unbe­strit­ten her­rlichen Schöp­fun­gen dieser drei Meis­ter zu ver­ste­hen ist. Lei­der führte diese etablierte Betra­ch­tungsweise dazu, dass zahlre­iche andere Kom­pon­is­ten so sehr in den Schat­ten dieses Trios gestellt wur­den, dass sie heute – wenn über­haupt – eine musikgeschichtliche Rand­no­tiz darstellen.
Dies bet­rifft ins­beson­dere die unmit­tel­bar der Schüler­schaft des genan­nten Trios entsprun­genen Meis­ter: Wer ken­nt heute im größeren Stil Ignaz Pleyel, langjähriger Schüler Haydns, oder die Beethoven-Schüler Fer­di­nand Ries und Carl Czerny? Der Mozart-Schüler Johann Nepo­muk Hum­mel dürfte aus dem Kreise der „Vergesse­nen“ noch zu den bekan­ntesten Per­sön­lichkeit­en gehören. Der gerne in diesem Zusam­men­hang bemühte Begriff des „Klein­meis­ters“ erscheint hier­bei oft als Ver­legen­heit­slö­sung, wenn man bedenkt, dass diese vergesse­nen Kom­pon­is­ten kün­st­lerisch inter­es­sante Beiträge auch zu den großen Gat­tun­gen wie der Sin­fonie, des Instru­mentalkonz­erts oder der Messe geleis­tet haben.
Diese The­matik greift der vor­liegende Sam­mel­band auf, welch­er auf ein­er 2016 stattge­fun­de­nen Tagung beruht. Mit dem Fokus auf der Instru­men­tal­musik neben Haydn und Mozart wird die mit dem Begriff der Wiener Klas­sik ver­bun­dene Einen­gung durch­brochen. So begeg­net man neben dem erwäh­n­ten Ignaz Pleyel u.a. Namen wie Leopold Koželuh oder Lui­gi Boc­cheri­ni. Gegliedert ist der Band in drei größere Abschnitte, die wichtige Aspek­te der Rezep­tion behan­deln: Analyse, Auf­führung­sprax­is und Edition.
Neben ana­lytis­chen Betra­ch­tun­gen einzel­ner Werke wer­den in zwei Beiträ­gen die Möglichkeit­en der Dig­i­tal­isierung als Analyse-Instru­ment aufgezeigt, was auch über die konkreten Einzelfälle hin­aus für die Forschung von Inter­esse ist. Ein weit­er­er Beitrag beleuchtet die Zusam­men­hänge von Con­cer­to grosso und Sin­fo­nia con­cer­tante – ins­beson­dere unter dem Blick­winkel der Ter­mi­nolo­gie. Durch die Erörterung divers­er Aspek­te der dama­li­gen Auf­führung­sprax­is dürfte der Band auch für die heutige kün­st­lerische Prax­is dur­chaus von Inter­esse sein und wichtige Impulse geben.
Alles in allem zeigt der vor­liegende Band, welche Poten­tiale die Beschäf­ti­gung mit bis­lang eher abseits der Musikgeschichtss­chrei­bung ste­hen­den Kom­pon­is­ten aus der Zeit der Wiener Klas­sik mit sich bringt. Dass sich die Forschung in der let­zten Zeit dieser The­matik ver­mehrt zuwen­det, ist aus­drück­lich zu begrüßen: Ermöglicht dies nicht nur, manchen unter­schätzten Meis­ter zu ent­deck­en, son­dern zugle­ich die Musikgeschichte wesentlich eng­maschiger und vielschichtiger zu erschließen. In diesem Zusam­men­hang leis­tet der Band einen wichti­gen Beitrag.
Bernd Wladika