Impulse

24 Uraufführungen, 2 CDs

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Telos TLS 166
erschienen in: das Orchester 04/2013 , Seite 76

Acht Urauf­führun­gen in acht Sin­foniekonz­erten inner­halb ein­er einzi­gen Sai­son? Das ist ein gewagtes Unter­fan­gen, denn schließlich weiß man, dass Neue und Neueste Musik nicht unbe­d­ingt zur Leib- und Magen­speise eines (Abonnenten-)Publikums gehört. Den­noch haben Diri­gent Evan Christ und das Phil­har­monis­che Orch­ester des Staat­sthe­aters Cot­tbus dieses einzi­gar­tige Exper­i­ment umge­set­zt: In jedem Pro­gramm der Spielzeit 2009/10 erlebte ein Stück Musik in Cot­tbus seine Geburt – „nur“ ein kleines Stück, aber immer ein je sehr charak­ter­is­tis­ches von fünf, sechs Minuten Dauer.
Ganz offen­sichtlich zog das Pub­likum vor Ort mit und erkan­nte diese Zu-Mutun­gen des Orch­esters als große Chance der Begeg­nung mit Klän­gen, denen es sich son­st ver­mut­lich nicht angenähert hätte. Und so fand die von Evan Christ ini­ti­ierte und von dem ital­ienis­chen Kom­pon­is­ten Vale­rio San­ni­can­dro organ­isierte Urauf­führungsrei­he direkt in der näch­sten Spielzeit ihre Fort­set­zung. Nicht genug damit: Auch das sin­fonis­che Pro­gramm des Cot­tbuser Orch­esters in der Spielzeit 2011/12 lieferte aber­mals in schön­er Regelmäßigkeit Urauf­führun­gen.
Drei mal acht sind vierundzwanzig: Eben­so viele Kom­po­si­tio­nen sind inzwis­chen auf zwei CDs ver­sam­melt, die das Engage­ment der Phil­har­moniker doku­men­tieren. Ganz sich­er keine CDs, die man von vorn bis hin­ten durch­hört wie eine Reger-Suite oder eine Sin­fonie von Anton Bruck­n­er. Eher genießt man sie häp­pchen­weise – und erlebt eine durch und durch höchst abwech­slungsre­iche, span­nende, geheimnisvolle, laut­starke, sinnliche, dis­tanzierte, idyl­lis­che Klang­welt. Die Sphären und Atmo­sphären, in die hinein die Par­ti­turen von Georg Katzer und Syd­ney Cor­bett, von Detlef Heusinger und Ludger Brüm­mer, von Annette Schlünz und Jörg-Peter Mittmann den Zuhör­er tra­gen, sind so schillernd wie faszinierend. Das ist ger­ade das Wertvolle an dieser Cot­tbuser Ini­tia­tive: dass es bunt und vielfältig zuge­ht, Arriv­ierte und Junge gle­icher­maßen Raum bekom­men, sich und ihre musikalis­che Sprache vorzustellen, auch das Orch­ester immer wieder ganz unter­schiedlich zu beanspruchen, es mit elek­tro­n­is­chen Klän­gen zu kom­binieren oder einen Solis­ten einzubeziehen wie den Altus Kai Wes­sel in Chaya Czer­nowins frag­iler Miniatur Esh (Feuer).
Und diese Her­aus­forderung des Neuen beste­hen Evan Christ und seine Orch­ester­musik­er ganz aus­geze­ich­net. Für die vor­liegende Ein­spielung wur­den sämtliche Werke dank der Unter­stützung der Max-Grünebaum-Stiftung anlässlich des 100-jähri­gen Orch­esterbeste­hens neu aufgenom­men. Auch das ist keineswegs selb­stver­ständlich.
Christoph Schulte im Walde