Saint-Saëns, Hahn, Ravel und andere

Impressions

Sophie Dervaux (Fagott), Sélim Mazari (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berlin Classics 0301708BC
erschienen in: das Orchester 09/2021 , Seite 90

Das Fagott ist für sie sehr wichtig, sagt die in Lyon aufgewach­sene Sophie Der­vaux. Es sei ihre Stimme. Wenn sie Musik mache, könne sie etwas ver­mit­teln. Das Sin­gen ver­suche sie mit ihrem Spiel – das Fagott sei sehr nah an der men­schlichen Stimme. Der­vaux ist seit 2015 als Solofagot­tistin Mit­glied der Wiener Philharmoniker.
Das Reper­tiore auf dieser CD umfasst bekan­nte und unbekan­nte Stücke, darunter Claude Debussys Clair de lune und Beau soir. Und es ist wun­der­bar, mit welch­er sphären­haften Leichtigkeit und hohen Sen­si­bil­ität Sophie Der­vaux ger­ade diese Stücke inter­pretiert. Melodis­che Lin­ien leucht­en hell auf und ver­schwinden immer wieder. Das the­ma­tis­che Mate­r­i­al ist hier deut­lich hör­bar einem ständi­gen Ver­wand­lung­sprozess unter­wor­fen. Da ent­deckt die Fagot­tistin unbekan­nte Geheimnisse, schlägt Brück­en zu the­ma­tis­chen Querverbindun­gen. Ger­ade Clair de lune liege für das Fagott sehr hoch, so Sophie Der­vaux. „Man kann tolle Mondlicht-Klänge schaf­fen“, bemerkt sie, ein Aspekt, der bei der Auf­nahme beson­ders pos­i­tiv auffällt.
Inter­es­sant ist außer­dem die bewe­gende Begeg­nung mit der von Camille Saint-Saëns in hohem Alter kom­ponierten Sonate für Fagott und Klavier in G‑Dur op. 168. Die reizvolle Moti­var­beit ste­ht auch hier im klas­sizis­tis­chen Mit­telpunkt. Das Fagott erhält eine grandiose fil­igrane Aura und betörende klan­gliche Geschmei­digkeit. Klang­far­ben­re­ich inter­pretiert Der­vaux zusam­men mit Sélim Mazari (Klavier) auch Après un rêve von Gabriel Fau­ré sowie Pièce en forme d’habanera von Mau­rice Rav­el. Hier bewegt vor allem die Klarheit und Reife der Struk­turen den Zuhör­er. Die Betra­ch­tung des Schö­nen ste­ht im Mittelpunkt.
Fein­ste Klangschat­tierun­gen bietet fern­er die Fagott-Sonate op. 71 von Charles Koech­lin. Jazz-Ein­flüsse zeigen Rey­nal­do Hahns À Chlo­ris und Roger Boutrys Inter­férences, wo Der­vaux die the­ma­tis­chen Verbindungslin­ien bril­lant offen­legt. Har­monis­che Geheimnisse wer­den dabei sen­si­bel verdeut­licht. Ins­beson­dere der spez­i­fisch motorische Rhyth­mus mit­samt seinen Jazz-Ein­flüssen fes­selt bei Boutrys sub­til­er Kom­po­si­tion Inter­férences. Es gibt hier sog­ar Fre­quen­zen wie im Radio, die plöt­zlich nicht mehr zueinan­der passen. So kommt es zu har­monis­chen Explo­sio­nen und raf­finierten akustis­chen Höhen­flü­gen. Der Zuhör­er fühlt sich aber nicht allein­ge­lassen, son­dern kann die chro­ma­tis­che Achter­bah­n­fahrt ger­adezu atem­los ver­fol­gen. Die Inter­vallspan­nun­gen wirken elektrisierend.
Eine weit­ere Über­raschung bietet auf dieser CD Sara­bande et cortège von Hen­ri Dutilleux. Diese Kom­po­si­tion wird aus­ge­sprochen expres­siv musiziert. Der Zauber der lyrischen Form kommt aber nicht zu kurz. Faz­it: Man spürt bei dieser Auf­nahme, wie wichtig für die Musik­erin Sophie Der­vaux der Klang an sich ist. Dessen Ton-Bilder und akustis­che Verän­derun­gen zeich­net sie höchst ein­fühlsam nach, ent­deckt auch immer wieder neue Aspekte.
Alexan­der Walther