Franz Hohler

Immer höher. Gipfeltöner Musik

Michael Büttler (Altposaune, Alphorn), Ulrich Haider (Waldhorn, Alphorn), Georg Glasl (Zither)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Zytglogge ZYT 4349
erschienen in: das Orchester 04/2017 , Seite 69

So leg­endär sind seine Kabarettpro­gramme, dass viele Eidgenossen wohl aus dem Stand her­aus eine Anek­dote aus Franz Hohlers Reper­toire zum Besten geben kön­nen. Die ruhige und melan­cholis­che Seite des Schweiz­er Schrift­stellers, der zudem als Kabaret­tist und Lie­der­ma­ch­er bekan­nt gewor­den ist, war bere­its in Büch­ern wie Das Ende eines ganz nor­malen Tages zu erleben. Nun legte der bald 74-Jährige sein neues Hör­buch vor: In Immer höher wer­den kurze und ger­adezu unspek­takuläre pro­sais­che Erzäh­lun­gen mit zeit­genös­sis­chen Kom­po­si­tio­nen für Alphörn­er, Wald­horn, Alt­posaune und Zither durch­brochen. Gipfel für Gipfel erk­limmt man gemein­sam mit dem Autor die Schweiz­er Berg­welt. Etwas deplatziert wirkt hier nur der mexikanis­che Popocatépetl. Franz Hohler selb­st trägt mit größter Ruhe und Gelassen­heit seine her­rlich entspan­nen­den Texte in der soge­nan­nten „Stan­dard­sprache“ vor – ein gut ver­ständlich­es Schrift­deutsch mit char­man­tem Schweiz­er Ein­schlag.
Während man in Gedanken seinen Blick über die Gipfel schweifen lässt, vern­immt das Ohr ver­traut wirk­ende Alphorn­klänge. Mehr Klis­chee geht nicht, möchte man zunächst fast denken, doch da hat man die Rech­nung ohne den Kom­pon­is­ten Georg Haider gemacht!
Die fast spießig beschriebene Alpen­land­schaft wird nicht mit den üblichen Inter­vallen begleit­et, son­dern muss sich vom Kom­pon­is­ten einiges gefall­en lassen. Haider hat es in vie­len Stück­en auf die für Alphorn eher ungewöhn­lichen, weil nach herkömm­lichem Musikver­ständ­nis schlecht stim­menden Inter­valle abge­se­hen. Zudem schickt er seine Musik­er durch alle Extrem­la­gen des Instru­ments. An manchen Stellen möchte man sich fast ver­wun­dert die Augen – oder bess­er gesagt die Ohren reiben. Hier­durch stellt sich glück­licher­weise kein lang­weiliges Dahin­plätsch­ern der bei­den CDs ein, son­dern ein Klang­ex­per­i­ment der ungewöhn­lichen Art. Fast fühlt man sich beim Hören von Haider provoziert, doch keineswegs ver­schaukelt. Seine Musik ste­ht in einem gelun­genen Span­nungsver­hält­nis zu den Tex­ten Franz Hohlers. Dieses Hör­buch kann man nur als gelun­ge­nes Gesamtkunst­werk beze­ich­nen.
Michael Büt­tler (Alphorn und Alt­posaune), Ulrich Haider (Alphorn und Wald­horn) sowie Georg Glasl (Zither) tra­gen maßge­blich zu diesem Gelin­gen bei. Beson­ders in Aus Relief – Toc­ca­ta für Wald­horn-Solo (1991) zeigt Haider seine außergewöhn­liche Kun­st des Horn­spie­lens. Georg Glasl spielt seine Zither niemals anbiedernd, son­dern schwungvoll, volksmusikhaft und trotz­dem mit hohem kün­st­lerischen Anspruch. Und das Alphorn-Duo Michael Büt­tler und Ulrich Haider ist per­fekt aufeinan­der einge­spielt und präsen­tiert die zeit­genös­sis­chen Kom­po­si­tio­nen mit ein­er beein­druck­enden Präzi­sion.
Es gehört schon Muße dazu, sich auf diese „Alpensin­fonie“ fern des Main­streams einzu­lassen. Doch dann ist Immer höher wie eine leichte Berg­tour im san­ften Son­nen­schein: bere­ich­ernd und entschle­u­ni­gend zugle­ich!
Kristin Thiele­mann