Werke von Hindemith, Gulda, Villa-Lobos und Picqueur

Images and Mirrors

Peter Bruns (Violoncello), Clair-Obscur Saxophone Quartet, Sächsische Bläserphilharmonie, Ltg. Thomas Clamor

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Genuin GEN 16419
erschienen in: das Orchester 10/2016 , Seite 70

Friedrich Gul­da – mein Jahrgang – gehörte zu den Weg­be­gleit­ern meines Lebens. Er imponierte mir erst als Pianist mit Bach und Mozart, beson­ders seit ich in den späten 1970er Jahren bei einem Besuch in Villin­gen erfuhr, dass der Musikpro­duzent Hans Georg Brun­ner-Schw­er dort in seinem SABA-Stu­dio Bachs Wohltem­periertes Klavier mit Gul­da aufgenom­men hat­te: Diese faszinierende Pro­duk­tion ist tech­nisch verbessert bei Edel ger­ade neu erschienen! Bald wurde Gul­da frech­er, ignori­erte Gren­zen – das passte gut in die Zeit – und spielte hin­reißend Jazz, kom­ponierte und ließ seinen und meinen heiß geliebten Mozart immer wieder – etwa in sein­er (auf DVD fest­ge­hal­te­nen) Büh­nen­show Lega­cy – bezwin­gend wieder­erste­hen, als sei er dessen neue Inkar­na­tion.
In seinem Cel­lokonz­ert für Hein­rich Schiff lässt er den Solis­ten mit Bla­sor­ch­ester begleit­en. Die fünf Sätze überspan­nen Form- und Aus­druck­sex­treme vom Triv­ialen über Volks­fest­gau­di und groovi­gen Funk bis zum Ern­sthaft-Gewichti­gen – eine Gegen­warts­beschrei­bung, die heute noch passt. Das Werk erfährt hier mit dem Cel­lis­ten Peter Bruns eine Wieder­gabe, wie man sie bezwin­gen­der sel­ten hört. Die säch­sis­chen Bläs­er zeigen erneut, wie per­fekt sie selb­st das Aber­witzig­ste zu spie­len ver­ste­hen. Das swingt, grun­zt, jodelt und jauchzt alpen­ländisch, dass es eine Freude ist.
Zuvor exeku­tiert die ganze Bläser­mannschaft den Marsch aus Hin­demiths Meta­mor­pho­sen, ein­er schmis­si­gen Bear­beitung des von Carl Maria von Weber für vier Hände kom­ponierten Klavier­stücks op. 60/4. Nach dem Gul­da-Konz­ert spielt Peter Bruns noch den see­len­vollen Cel­lopart der Bachi­ana Brasileira Nr. 5, jene bekan­nte Ária von Heitor Vil­la-Lobos, in ein­er sehn­suchtsvoll ergreifend­en Fas­sung mit Sax­o­fon­quar­tett. Dieses wirkt auch im let­zten Stück der CD, dem Jeu de cartes des Bel­giers Bart Pic­queur (*1972), solis­tisch mit. In ein­er bilder­re­ichen Fan­tasiewelt verkör­pern die Sax­o­fon­is­ten mit Bari­ton die Herz-Köni­gin, mit Tenor den Pik-Buben, mit Alt die Karo-Zehn und mit Sopran den Jok­er, der jazz­ig gri­massierend oft im unger­aden Takt herum­tanzt.
Es ist begeis­ternd, wie Thomas Clam­or mit sein­er geschul­ten Mannschaft und mit prächti­gen Solis­ten – die mir bish­er fremde Kom­bi­na­tion von Cel­loton und vier Sax­o­fo­nen schafft ein feines brasil­ian­is­ches Flair – eine Fülle von Klang­far­ben erzeugt, die jeden der dis­parat­en Charak­tere der Musik­stücke und ihre gle­icher­maßen unter­schiedlich­sten Fak­turen mitreißend mit Leben erfüllt. Der im lesenswerten Book­let fast poet­isch- philosophisch wortre­ich beschriebene CD-Titel Bilder und Spiegel trifft den Kern dieser Auswahl…
Diether Step­puhn