Scandello, Antonio

Im Himmel und auf Erden

Clarissa Thiem (Sopran), Giovanni Cantarini (Tenor), Chordae Freybergenses, Ltg. Susanne Scholz

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Querstand VKJK 1503
erschienen in: das Orchester 11/2015 , Seite 78

Mit sein­er Johannes­pas­sion aus dem Jahr 1561 hat­te der um 1517 im ital­ienis­chen Berg­amo geborene, anfangs in sein­er Vater­stadt sowie in Tri­ent als Zinkenist wirk­ende, 1549 dann auf Leben­szeit in die Dien­ste des Kur­fürsten Moritz von Sach­sen getretene Anto­nio Scan­del­lo her­aus­ra­gende Bedeu­tung erlangt. War doch dieses A-cap­pel­la-Werk, in dem die reden­den Per­so­n­en des bib­lis­chen Textes noch in Chor- oder gegebe­nen­falls ger­ingstim­mige Ensem­blesätze gefasst waren (nur die Worte des Evan­ge­lis­ten ord­net Scan­del­lo schon einem Solis­ten zu) und dem noch eine „Aufer­ste­hung­shis­to­rie“ fol­gte, weg­weisend für Hein­rich Schütz’ eigene Ver­to­nun­gen gewe­sen. Am Dres­d­ner Hof des auf Moritz fol­gen­den Kur­fürsten August stieg der anfängliche Instru­men­tal­ist 1568 bis zum Capellmeis­ter auf. Als Kom­pon­ist hin­ter­ließ Scan­del­lo auch zwei ital­ienis­chsprachige Samm­lun­gen mit Can­zo­nen, vor allem aber war ihm an der Her­aus­gabe mehrerer Drucke mit „Deutschen Liedern“, geistlichen wie weltlichen Inhalts gele­gen, in denen er die ital­ienis­che Madri­galkun­st und deren melodis­che Gefäl­ligkeit mit der herge­bracht­en stren­gen Form der deutschen Lied­motette und des Chor­lieds zu ver­schmelzen suchte.
Mit ihrer Ein­spielung, ein­er Auswahl von geistlichen deutschen Liedern und weltlichen ital­ienis­chen Can­zo­nen des Kom­pon­is­ten, haben das Label Quer­stand und das Ensem­ble Chor­dae Frey­ber­gens­es unter der Leitung von Susanne Scholz allerd­ings mehr das tren­nende Nebeneinan­der der For­men und Gat­tun­gen aufzeigen wollen und weniger, was Scan­del­lo zu verbinden suchte. Geistlich­es wie Weltlich­es fasst der Kom­pon­ist dabei in cho­risch mehrstim­mige Sätze, was aber in kein­er Weise bedeutet, dass man dies bedin­gungs­los nur rein vokal aufzuführen hat. Susanne Scholz wählt sog­ar nur eine Vokalstimme – in den geistlichen Werken ist es ein Sopran, in den weltlichen ein Tenor – der sie, was die restlichen Stim­men anbe­langt, Instru­mente beifügt.
Die aber sind hier von unschätzbarem his­torischen Wert, denn es han­delt sich um die detail­ge­treuen Kopi­en der ver­schiede­nen Geigen unter den ins­ge­samt 30 größ­ten­teils spiel­baren (!) Instru­menten, die die Engel­sput­ten hoch oben im Gewölbe des Chor­raums im Freiberg­er Dom seit 1594 über die Jahrhun­derte hin­weg in den Hän­den hiel­ten. Der helle Klangcharak­ter der unter­schiedlich men­su­ri­erten Renais­sancegeigen vom Kleindiskant bis zur Bass­geige mutet an das Spek­trum eines Gam­ben­con­sorts an und Susanne Scholz und ihr Ensem­ble wis­sen ihn weit und far­big aufzufäch­ern.
Von der kom­pos­i­torischen Struk­tur her durch­sichtig, viel­gliedrig und voller dif­feren­zieren­der Lebendigkeit gehal­ten, fügt sich in den geistlichen Sätzen der ger­ade lin­ierende Sopran von Claris­sa Thiem ganz ungekün­stelt und ger­ade dadurch beson­ders wirkkräftig als Baustein der Satzar­chitek­tur in den instru­men­tal­en Klang ein. Rhyth­misch ein wenig prononciert­er und vitaler, auch im Aus­druck um einiges beherzter, ja bisweilen schon recht keck geht das Ensem­ble zusam­men mit dem Tenor Gio­van­ni Can­tari­ni an die weltlichen Lieder her­an, doch immer bleibt die musikalis­che Umset­zung auch hier in höch­stem Maße biegsam und geschmei­dig.
Thomas Bopp