Monteverdi, Claudio

Il ritorno d’Ulisse in patria

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: EMI 7243 4906129
erschienen in: das Orchester 10/2004 , Seite 88

Es gibt drei gute Gründe, sich Mon­teverdis Musik­dra­ma Il ritorno d’Ulisse in patria in dieser Aufze­ich­nung anzuschauen: Sie doku­men­tiert eine unwieder­bringliche, viel gerühmte Fes­ti­val-Pro­duk­tion aus Aix-en-Provence, die eine gute Alter­na­tive zu den landläu­fi­gen, zeit­geistschnit­ti­gen Insze­nierun­gen bietet. Überzeu­gend um eine eigene filmis­che und ästhetis­che Qual­ität bemüht, ist die DVD weit mehr als ein schwach­er Abglanz der realen Auf­führung. Exquis­ite, hierzu­lande kaum bekan­nte Sänger­darsteller treten her­vor, deren authen­tis­che Gebär­den­sprache in Großauf­nah­men eine stärkere Wirkung erzielt.
Über­haupt ist die gle­ich­sam archaisch wie zeit­los anmu­tende Insze­nierung von Adri­an Noble (Leit­er der Roy­al Shake­speare Com­pa­ny), die an die Regiear­beit­en von Peter Stein erin­nert, eine Wucht. Sie ist in ihrer Kargheit sozusagen der totale Gege­nen­twurf zu den pop­pig-schrillen Pro­duk­tio­nen eines David Alden, der dieses Musik­dra­ma des aus­ge­hen­den 17. Jahrhun­derts in München insze­nierte. Noble rückt die Darsteller in den Vorder­grund und ver­lässt sich auf die emo­tionalen Wech­sel­bäder, die den Zuhör­er wie im antiken Dra­ma berühren und von den Affek­ten des All­t­ags reini­gen sollen. Ein großes Sand­bett mit eini­gen antiken Tonkrü­gen im Hin­ter­grund deutet das Ufer von Itha­ka an, auf dem Odysseus nach stür­mis­ch­er Meer­fahrt stran­det. Sein Schiff sym­bol­isiert ein großes Tuch, das wie ein natür­lich­es Segel flat­tert. Mit Hil­fe von Athene, Göt­tin der Weisheit, gelangt er in Gestalt eines alten Bet­tlers nach zwanzig Jahren endlich zurück zu sein­er unglück­lichen Gat­tin Pene­lope, die seine Abwe­sen­heit beklagt und von auf­dringlichen Freiern belagert wird. Ger­ade noch rechtzeit­ig kommt er, um den entschei­den­den Wet­tbe­werb zu gewin­nen, der dem Sieger die Köni­gin zur Frau verspricht. 
Glan­zlicht ist Mar­i­jana Mijanovic´, auch im wirk­lichen Leben mit dem kroat­is­chen Tenor Kres¡imir ¡Spicer (Odysseus) liiert. Die Mez­zoso­pranistin ist eine androg­y­ne Schön­heit, besitzt eine ungewöhn­lich dun­kle große Stimme und eine ein­ma­lige Büh­nen­präsenz. Ein­fach ergreifend durch­lebt sie alle Nuan­cen von Schmerz und Verzwei­flung. William Christie und sein Ensem­ble Les Arts Floris­sants bere­it­en dafür kon­ge­nial und mitreißend den Nährboden.
 
Kirsten Liese